Natursprache versus Indexsprache in der Chemie-Dokumentation

Authors


  • Professor Klaus Weissermel zum 60. Geburtstag gewidmet

Abstract

Bei jeder gezielten Literatursuche muß man vorhersehen können, wie die fraglichen Begriffe im Speicher ausgedrückt sein könnten. Unter diesen Ausdrucksweisen schlägt man im Register nach, oder man benutzt sie als Suchbedingungen in einer mechanisierten Recherche. Bei Allgemeinbegriffen mangelt es der natursprachlichen, frei gewählten Ausdrucksweise an dieser Voraussehbarkeit, wie am Beispiel von Verbindungsklassen und Reaktionen gezeigt wird. Das Suchen in Speichern mit frei gewählter Ausdrucksweise ist demzufolge zwangsläufig mit Verlust verbunden, unabhängig davon, wie hoch die eigentliche Suchtechnik, z. B. das Computerprogramm, entwickelt sein mag. Durch eine Einschränkung der Ausdrucksmöglichkeiten, wie sie durch eine Indexsprache und ihre zuverlässige Anwendung erreicht wird, lassen sich die Voraussehbarkeit steigern und Informationsverluste entsprechend drastisch reduzieren. - Im Gegensatz hierzu sind die Ausdrucksweisen für Individualbegriffe (z. B. Einzelverbindungen, Autoren, Institutionen) in frei gewählter, natürlicher Sprache oft genügend gut voraussehbar. Der Nutzen einer Übersetzung in eine Indexsprache ist hier manchmal fraglich. Das gilt besonders dann, wenn die Indexsprache (noch) keinen treffenden Ausdruck zur Wiedergabe eines Fachbegriffes anbietet, sowie auch dann, wenn die natursprachliche Ausdrucksweise vieldeutig ist. Hier ist es ratsam, diese Ausdrucksweise in den Speicher zu übernehmen, zumindest zusätzlich zu einer versuchten indexsprachlichen Form. - Die Schwächen einer Einspeicherung in frei gewählter, natürlicher Sprache werden während des Wachstums eines Informationssystems erst relativ spät deutlich. Im Frühstadium dieses Wachstums kann Voraussehbarkeit zumindest teilweise noch durch Gedächtnisleistung ersetzt werden. Außerdem ist in einer so kurzen Zeitspanne die Ausdrucksweise der Autoren noch relativ einheitlich. Deswegen ist der Verlust an einschlägiger Information anfänglich gering, und er wird auch meistens nicht als eine immer stärker werdende Quelle von Recherchenfehlern erkannt. Auch tritt in diesem Stadium noch nicht der ständig wachsende Zeitbedarf für das Ersinnen und Formulieren von immer mehr alternativen Suchbedingungen in Erscheinung. Aus diesen Gründen sind natursprachliche Systeme oft ohne ausreichende Rechtfertigung bevorzugt worden. - Die charakteristischen Stärken und Schwächen beider Sprachenarten legen es nahe, daß man sie miteinander kombiniert, so daß ihre Vorzüge erhalten bleiben.

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