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Abstract

Es wird der Versuch unternommen, wichtige Entwicklungen auf dem Gebiet der Organischen Synthese in den letzten 25 Jahren zu skizzieren und in die Zukunft zu projizieren. — Die wichtigsten Motive für die Durchführung einer Naturstoffsynthese existieren nicht mehr: Statt der Zielstruktur als solcher steht heute deren Funktion und Wirksamkeit im Mittelpunkt des Interesses. Inhibitoren mit Affinität zu allen wichtigen Enzymen und Rezeptoren der belebten Natur werden zu Zielmolekülen. — Neue Synthesemethoden werden am ehesten auf dem Gebiet der biologisch-chemischen und der metallorganischen Chemie entdeckt werden. Enzyme, ganze Mikroorganismen oder Zellkulturen werden schon heute im Forschungslabor wie auch in der Industrie zur enantioselektiven Herstellung bestimmter Verbindungen verwendet. Durch den Entwurf geeigneter Analoga von Übergangszuständen und Zwischenprodukten wird es zusätzlich möglich sein, unter Zuhilfenahme des Säugetier-Immunsystems und der Gentechnologie katalytisch wirksame monoklonale Antikörper für praktisch beliebige Reaktionen herzustellen und vor allem im industriellen Maßstab einzusetzen. Wirklich neue Reaktionen wird es wohl nur noch auf dem Gebiet der übergangsmetallorganischen Chemie geben, die uns in den nächsten Jahren weitere „Wunderreagentien” bescheren wird. Bei den Derivaten der Hauptgruppenelemente („elementorganische” Chemie) werden schrittweise Verbesserungen in der Versuchsführung und die Anwendung spezieller Techniken zu ungeahnter Effizienz und Selektivität bekannter Prozesse führen. Das Schwergewicht wird bei allen Synthesemethoden auf der Suche nach katalytischen und enantioselektiven Varianten liegen: Es wird nicht lange dauern, bis für alle Standardreaktionen, die von achiralen Edukten zu chiralen Produkten führen, entsprechende Modifikationen zur Verfügung stehen werden. Analytik, Spektroskopie, Strukturanalyse, Theorie und elektronische Datenverarbeitung sind für den Fortschritt auf dem Gebiet der Synthese unentbehrlich. Nur durch diese „Hilfsmittel” werden immer größere und kompliziertere Systeme mit den Methoden der Chemie, d. h. auf molekularer oder supramolekularer Ebene, erfaßbar. — Zu allen erwähnten Themen werden Beispiele angeführt; eine sehr umfangreiche Literaturliste1 soll das weitere Studium erleichtern. — Wenn dieser Artikel dazu führt, daß weniger Kollegen als bisher die Organische Chemie als eine reife Wissenschaft ansehen und daß der Nachwuchs erkennt, wie lebendig und kraftvoll die Organische Synthese sich neuen Zielen zuwendet und alte Träume Wirklichkeit werden läßt, hat er seinen Zweck erfüllt.