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Abstract

Über Lise Meitner ist viel geschrieben worden, und doch ist sie immer eine Randfigur geblieben. Über ihre bahnbrechenden Leistungen in der Kernphysik ist nur wenig bekannt, ihren Namen assoziiert man hauptsächlich mit der Kernspaltung; die Anerkennung ihres Anteils an dieser Entdeckung blieb ihr jedoch verwehrt. Insbesondere in Deutschland haben die Akteure dieses Szenarios ihren festen Platz: Otto Hahn im Rampenlicht, Fritz Straßmann in seinem Schatten, Lise Meitner nur schemenhaft am Rande des Geschehens erkennbar. Über ihre Rolle läßt sich spekulieren. Die Ostberliner Schriftstellerin Renate Feyl bezeichnet Lise Meitners Lebenswerk als „gekrönt mit dem Nobel-Preis für Otto Hahn”[1]; K.-E. Zimen, ehemaliger Direktor eines nach ihr benannten Instituts, stellt sie als diejenige dar, die der Entdeckung von Anfang an im Wege stand[2]. Oft tritt sie lediglich als Hahns Mitarbeiterin[3] in Erscheinung; zuweilen sucht man vergeblich nach ihr, wie z.B. in einem der bedeutendsten Wissenschaftsmuseen der Welt1 , in dem 30 Jahre lang[4] der Arbeitstisch mit der Spaltapparatur - von Lise Meitner in ihrem Laboratorium in ihrer Physikabteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie aufgebaut - zu sehen war, ohne daß ihr Name in diesem Zusammenhang überhaupt genannt wurde. Die Akteure selbst sind unterschiedlicher Meinung. In seinen Memoiren hat Hahn erstaunlich wenig über seine langjährige intensive berufliche und freundschaftliche Verbindung mit Lise Meitner zu sagen. Nur bei einem Glas Wein, so erfährt der Leser, „konnte ihm die Äußerung entschlüpfen:, Ich weiss nicht; ich fürchte, Lischen hätte mir die Uranspaltung verboten”[5]. Straßmann betont: „Lise Meitner war die geistig Führende in unserem Team gewesen”[6]! Von Lise Meitner selbst liegt keine Autobiographie vor; die umfangreiche Sammlung von Briefen und Dokumenten aus ihrem Nachlaß jedoch ermöglicht es uns, weit mehr zu erfahren.