1807: Goethe dichtete,

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  • Peter Gölitz


Beethoven komponierte, Goya malte, Alexander von Humboldt forschte, Napoleon herrschte – allerdings nur in Kontinentaleuropa, in England regierte Georg III, in den USA Thomas Jefferson, in China in Zeiten sozialer Unruhen ein Kaiser der Qing-Dynastie und in Japan innerhalb einer jahrhundertelangen Friedensperiode Tenno Kokaku --, die Müller mahlten, die Schmiede hämmerten, und in New York eröffnete Charles Wiley 1807 eine kleine Druckerei. Und was ist aus den bescheidenen Anfängen geworden! John Wiley and Sons ist heute ein weltweit operierender Verlag, der nicht nur hinsichtlich wirtschaftlicher Kennzahlen, sondern auch hinsichtlich der Breite des Programms und vor allem der Qualität der Produkte hohes Ansehen genießt. Aufgebaut wurde der Verlag von der Wiley-Familie über sechs Generationen, und es bedurfte in den 200 Jahren seit der Gründung der Firma nur zehn Firmenchefs -- während die USA in diesem Zeitraum immerhin 43 Präsidenten hatten. Geführt wird John Wiley and Sons heute von William J. Pesce als Präsident und “Vorstandsvorsitzenden” (CEO); ein Urururenkel von Charles Wiley, Peter Booth Wiley, ist Vorsitzender des Boards der Firma, dem auch noch sein Bruder Bradford Wiley II angehört; seine Schwester Deborah Wiley ist als Senior Vice President für “Corporate Communication” zuständig.

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Das Verlagsprogramm von John Wiley and Sons besteht aus drei Säulen: 1. Fach- und Sachbücher für jedermann, mit einem Schwerpunkt bei der Finanz- und Wirtschaftsliteratur, aber auch Architektur- und Kochbücher sowie die sehr bekannten “Dummies-Titel” und die Frommers-Reiseführer gehören zu dieser Sparte. 2. Lehrbücher, vor allem für Studenten. 3. Wissenschaftsliteratur: Monographien, Handbücher, Enzyklopädien, Datenbanken und mehr als 450 Zeitschriften. Thematische Schwerpunkte sind dabei die Medizin, die Bio- und die Materialwissenschaften, die Physik und die Ingenieurwissenschaften -- und vor allen Dingen die Chemie. Vor gut zehn Jahren, 1996, haben die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und eine Investmentfirma, die vorübergehend Teileigentümer war, die VCH Verlagsgesellschaft (vorher Verlag Chemie) an John Wiley and Sons verkauft, und die nach wie vor der GDCh gehörenden Zeitschriften werden heute -- wie die von mehr als 50 anderen wissenschaftlichen Gesellschaften -- bei “Wiley” höchst erfolgreich verlegt. Nahezu alle Produkte des Verlags sind heute auch elektronisch über Wiley InterScience verfügbar. Mehr über die Geschichte und das heutige Programm von John Wiley and Sons finden Sie auf den diesem Editorial folgenden Seiten sowie natürlich im Netz: http://www.wiley-vch.de und http://www.wiley.com.

Vor 200 Jahren, 1807, war die Chemie als Wissenschaft etabliert: Lavoisier war schon 13 Jahre tot, Berzelius wurde gerade Professor in Stockholm, Humphry Davy gelang die Reindarstellung von Kalium und Natrium, und die erste chemische Fachzeitschrift, das von Lorenz Crell herausgegebene Chemische Journal für die Freunde der Naturlehre, Arzneygelahrtheit, Haushaltungskunst und Manufacturen war schon fast 30 Jahre früher gegründet worden und wenig später wieder eingegangen. Was sonst in der Chemie Anfang des 19. Jahrhunderts passierte, schildern Otto Krätz und Elisabeth Vaupel in ihrem lehrreichen und äußerst unterhaltsamen Essay “1807: Betrachtungen zur Chemie im angelsächsischen Kulturkreis zur Zeit Napoleons I” auf S. 24 ff.

Jubiläen bieten zwar Anlass zur Rückschau, sie wären aber versäumte Gelegenheiten, würde man nicht auch über die Aufgaben der Zukunft nachdenken -- und genau dies tun Nicola Armaroli und Vincenzo Balzani in ihrem Essay “Die Zukunft der Energieversorgung” auf S. 52 ff. Dieses Thema bietet reichlich Stoff für Diskussionen, und Leser sind eingeladen, Beiträge, die sich mit den wissenschaftlichen, nicht den politischen Implikationen beschäftigen, für die Publikation im Online-Forum “Chemie und Energie” einzureichen. Bitte senden Sie Beiträge an: angewandte@wiley-vch.de. Über die Annahme von Manuskripten entscheidet die Redaktion. Armaroli und Balzani können kommentieren und replizieren, sodass eine lebhafte Diskussion zustande kommen kann. Das noch umfassendere Thema “Chemie und Nachhaltigkeit” wird auch in Aufsätzen im Laufe des Jahres 2007 behandelt werden.

Neben 200 Jahre John Wiley and Sons gibt es 2007 natürlich auch noch andere wichtige Jubiläen: Die Französische Chemische Gesellschaft (Société Française de Chimie) wurde vor 150 Jahren gegründet, und sie feiert dies mit einem großen Symposium vom 16.–18. Juli in Paris (siehe http://www.sfc07.fr); 1867, vor 140 Jahren, wurde die Deutsche Chemische Gesellschaft, 1877 der Verein analytischer Chemiker und 1887 die deutsche Gesellschaft für angewandte Chemie gegründet, als deren Vereinsorgan diese Zeitschrift entstand. Die Ungarische Chemische Gesellschaft wurde vor 100 Jahren gegründet und hat gewissermaßen ihre Centenarfeier mit dem hervorragenden 1. Europäischen Chemiekongress vergangenen August vorverlegt. Vor 100 Jahren erschienen erstmals die Chemical Abstracts, und Eduard Buchner erhielt den Chemie-Nobelpreis für seine Arbeiten zur alkoholischen Gärung, in denen er nachwies, dass enzymatische Reaktionen auch zellfrei ablaufen können.

Teil der Gegenwart -- und sicherlich der Zukunft --, aber auch schon Geschichte ist die supramolekulare Chemie: Vor 40 Jahren publizierte Charles Pedersen seine legendäre Kronenether-Arbeit im Journal of the American Chemical Society, vor 30 Jahren prägte Jean-Marie Lehn den Begriff “supramolekulare Chemie”, und beide erhielten, zusammen mit Donald Cram, vor 20 Jahren den Nobelpreis für Chemie. Dies ist Anlass für einen zweiten Schwerpunkt in diesem Heft, der mit einer “Vorrede” des Kuratoriumsvorsitzenden, François Diederich – selbst einer der Matadore dieses Gebiets --, auf S. 68 ff. eingeleitet wird. Ihm folgt ein in jedem Sinne großer Aufsatz von David Leigh über molekulare Motoren und Maschinen (S. 72 ff.), ein Thema, das einmal mehr demonstriert, wie die Bio-, Nano- und Materialwissenschaften chemisch basiert sind, ja, zu einem großen Teil Chemie sind. Der Zuschriftenteil enthält eine Reihe hervorragender Arbeiten zur supramolekularen Chemie; ohne Einladung sind diese Manuskripte im Herbst eingegangen, sozusagen ein Fall von Selbstorganisation. Eine Zeitschrift wie die Angewandte Chemie zu führen hat etwas von einem “Steuern von Selbstorganisation”, denn man ist enorm auf das angewiesen, was Autoren anbieten. Und man hofft immer, dass die Beiträge, die man veröffentlicht, das Interesse der Leser finden und Impulse für deren Arbeiten geben, die dann zu neuen inspirierenden Publikationen führen. Das Feuer der Begeisterung für die Chemie permanent zu zünden und mit jedem Heft der Angewandten Chemie zu neuen Ideen anzuregen -- das macht mir auch im 25. Jahre als Chefredakteur viel Spaß. Es gibt also viel zu feiern im vor uns liegenden Jahr! Da bleibt mir nur, unserem Verlag zum 200. Geburtstag zu gratulieren sowie Ihnen, unseren Lesern, Autoren und Gutachtern, zu danken und alles Gute für 2007 zu wünschen.

Peter Gölitz

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PS: Den sonst im ersten Heft eines Jahres gebotenen Überblick über den zurückliegenden Jahrgang bringen wir später. Hingewiesen sei hier nur auf einen neuen Service: den RSS Feed (RSS steht für “Really Simple Syndication”); dieser kostenlose Service weist Leser sehr effizient auf online erschienene Veröffentlichungen hin, sobald diese verfügbar sind. Mit RSS Feed lässt sich der Inhalt einer Vielzahl an Zeitschriften äußerst einfach verfolgen: Mit jedem Online-Newsreader kann man Hinweise auf Veröffentlichungen in der Angewandten Chemie und in allen anderen für die eigene Arbeit wichtigen Wiley- und Nicht-Wiley-Zeitschriften abonnieren, und man erhält automatisch alle Early-View-Artikel und sonstigen Vorab“drucke” an eine Adresse, sobald sie online sind – so als hätte man einen E-Mail-Eingangsordner ausschließlich für die neueste und beste Chemie! Näheres dazu findet sich unter der Internetadresse http://interscience.wiley.com/rss.

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Die Vielfalt der heutigen Wiley-Produkte illustriert diese Miniauswahl.

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