Champagner und Feuerwerk: die Angewandte Chemie feiert Geburtstag

Authors

  • Dr. Peter Gölitz

    Corresponding author
    1. Angewandte Chemie, WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Boschstraße 12, 69469 Weinheim (Deutschland)
    • Angewandte Chemie, WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Boschstraße 12, 69469 Weinheim (Deutschland)

    Search for more papers by this author

Abstract

original image

„So strahlt denn auch von wesentlichen Erkenntnissen eine mitreißende Kraft aus, welche empfängliche Naturen wiederum zu eigenen Leistungen befeuert. Für solche Menschen machen wir unsere Zeitschrift. Und jene, die Avantgarde, versuchen wir ausfindig zu machen. Das ist unser ganzes Programm.“ – Das Programm der Angewandten Chemie, vor 50 Jahren von Wilhelm Foerst formuliert, gilt noch heute und steht im Zentrum des Editorials zum 125-jährigen Jubiläum der Zeitschrift, in dem auch für ein Denkmal für den unbekannten Gutachter plädiert wird.

Thumbnail image of

1888, als Vincent van Gogh Sonnenblumen malte und Gustav Mahler seine 1. Sinfonie komponierte, als Herman Hollerith die erste lochkartenge steuerte Rechenmaschine installierte und Heinrich Hertz fundamentale physikalische Effekte entdeckte, als Wilhelm Ostwald das Verdünnungsgesetz formulierte und Friedrich Reinitzer erstmals Flüssigkristalle sah, als Emil Fischer über Zucker arbeitete und Clemens Winkler kurz zuvor erstmals Germanium rein isoliert hatte, gab Ferdinand Fischer (siehe Abbildung 1) in Hannover den ersten Jahrgang der Zeitschrift für angewandte Chemie heraus. Mit diesem Jubiläumsheft feiern wir den Einstieg in den 125. Jahrgang der Angewandten Chemie (für genaue Rechner: 1946 erschien die Angewandte Chemie nicht). Um das Jubiläum chemiegerecht zu feiern, zieren Feuerwerk und Champagner die Umschlagseiten dieses Heftes und sind entsprechend Themen zweier wissenschaftlicher Beiträge.

Figure 1.

Ferdinand Fischer, der Gründer der Angewandten Chemie.

Ein Vorläufer, die Zeitschrift für die Chemische Industrie, war 1887 nur ein Jahr unter diesem Titel erschienen. Über diese Ursprünge und die ersten hundert Jahre der Zeitschrift ist schon mehrfach ausführlich berichtet worden, zuletzt in einem Editorial im Zentenar-Jubiläumsheft (Angew. Chem. 1988, 100, 3–4). Die Entwicklung der Chemie im Lichte aller Jahrgänge der Angewandten Chemie wird François Diederich, Vorsitzender des Kuratoriums der Zeitschrift seit 2004, in einem großen Beitrag im zweiten Jubiläumsheft beleuchten, das zum Festsymposium 125 Jahre Angewandte Chemie am 12. März in Berlin erscheinen wird. Deswegen und weil auch in dem einen oder anderen Beitrag dieses Heftes auf die Geschichte der Chemie eingegangen wird, will ich auf historische Ausführungen verzichten und gleich zum Wichtigsten vorstoßen: Danke zu sagen!

Dank zuerst den “Altvordern”, den sieben Chefredakteuren, die der Angewandten Chemie vor mir ihr Gesicht gaben; einige seien genannt: zuerst Ferdinand Fischer (Chefredakteur von 1888 bis 1899), der die Zeitschrift “mit großer Hingabe” redigierte, wie es in einer Würdigung zu seinem 70. Geburtstag hieß (Z. Angew. Chem. 1912, 25, 117); Fischer hat ein Fundament gelegt, das bis heute trägt. Er selbst ist vergessen, die Zeitschrift lebendiger und bekannter denn je. Wilhelm Foerst (Chefredakteur 1933–1945 und 1949–1966) hat nicht verhindert, dass die Angewandte Chemie in der Zeit des Nationalsozialismus dieser verbrecherischen Ideologie Raum gab. Sein Name steht aber auch für den Aufstieg der Zeitschrift in den 1950er und 1960er Jahren; unter seiner Ägide gründete 1962 Helmut Grünewald (Chefredakteur von 1967 bis 1978) die englische Ausgabe, deren 50. Jahrgang 2011 erschien. Wilhelm Foerst formulierte in seinem Vorwort zum 75. Jahrgang der Angewandten Chemie das Programm der Zeitschrift mit diesen Worten: “So strahlt denn auch von wesentlichen Erkenntnissen eine mitreißende Kraft aus, welche empfängliche Naturen wiederum zu eigenen Leistungen befeuert. Für solche Menschen machen wir unsere Zeitschrift. Und jene, die Avantgarde,

Thumbnail image of

versuchen wir ausfindig zu machen. Das ist unser ganzes Programm.” – und es gilt heute wie vor fünfzig Jahren.

Dank gilt dann den früheren und heutigen Mitgliedern des Kuratoriums und des Internationalen Beirats, die die Redaktion mit Anregungen und Kritik begleiten. Viele sind in diesem Heft mit Beiträgen vertreten, darunter drei neue Mitglieder des Internationalen Beirats, die auf der Nachrichten-Seite vorgestellt werden; auf den darauf folgenden Seiten werden das Kuratorium und der Internationale Beirat in der aktuellen Zusammensetzung präsentiert.

Dank ist der herausgebenden Eigentümerin, der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh),

Thumbnail image of

zu zollen, bei deren Vorständen und Geschäftsführern, derzeit Wolfram Koch, die Belange der Angewandten Chemie immer höchste Priorität genossen. Der Verlag Wiley-VCH

Thumbnail image of

hat wie seine Vorgänger, der Verlag Chemie und die VCH Verlagsgesellschaft, die Publikation der Zeitschrift vorbildlich besorgt. Viele Mitarbeiter im Verlag, seien sie in der Personalabteilung oder im Rechnungswesen, in der Marketing- oder der Herstellungsabteilung tätig, arbeiten im Hintergrund, damit das Tagesgeschäft der Redaktion reibungslos laufen kann. Die Einbettung von Wiley-VCH in die Muttergesellschaft John Wiley & Sons

Thumbnail image of

ist auch für die Angewandte Chemie von großem Nutzen, wie die jüngste Entwicklung zeigt: Dank der für iPads entwickelten App

Thumbnail image of

kann die Angewandte “mobil” überall gelesen werden, gerade so wie man früher ein Heft überall mit hinnehmen konnte.

Dank gilt insbesondere der Redaktion (siehe Abbildungen 2 und 3 sowie die Namen im Impressum). Die vielen Aufsätze und Kurzaufsätze, Essays und Highlights sowie Autorenprofile und Nachrufe sind anzuwerben oder aus den angebotenen Beiträgen auszuwählen; die unendlich vielen Zuschriften, die über so viele Jahre eingereicht wurden, mussten von der Redaktion evaluiert und Gutachter mussten ausgewählt werden. Die akzeptierten Beiträge müssen redigiert, Fahnen und Umbruch kontrolliert werden. Es gleicht schon ein wenig einer Sisyphosarbeit: Wenn am Abend alle Manuskripte “abgearbeitet” sind, ist am nächsten Morgen der elektronische Eingangskorb schon wieder voll; und wenn ein Heft publiziert ist, arbeitet die Redaktion schon wieder an den nächsten drei, vier oder fünf Heften. Der Lohn für die Sisyphosarbeit ist aber hoch: Jedes neue Manuskript, das die Redaktion erreicht, ist ein Zeichen des Vertrauens der Autoren in unsere Arbeit, und es bietet den Reiz des ersten Blicks in völlig neue Erkenntnisse.

Figure 2.

Von links nach rechts die leitenden Redakteure: Jens Ackermann, Neville Compton, Stephen Horner, Haymo Ross, Frank Maaß, Guy Richardson, Peter Gölitz, Diane Smith, Volker Jacob.

Figure 3.

Ein großer Teil der Redaktions- und Herstellungsmitarbeiter/innen (siehe auch Impressum).

Dank gebührt den Gutachtern, die die Redaktion bei ihren Entscheidungen beraten und Autoren äußerst wertvolle Hinweise zur Verbesserung von Manuskripten geben. Es ist höchste Zeit, ein “Denkmal für den unbekannten Gutachter” zu errichten! Auguste Rodins “Denker” kann hierfür durchaus zweckentfremdet werden (Abbildung 4). Dass trotz strenger Begutachtung hin und wieder Manuskripte in der Angewandten Chemie publiziert werden, die sich später als grob fehlerhaft erweisen, dafür übernimmt die Redaktion die Verantwortung – und bietet mehrere Möglichkeiten der Korrektur: von der Publikation einer “Berichtigung” bis zur “Zurückziehung” eines Beitrags. Dass davon nur sehr selten Gebrauch gemacht werden muss, verdanken wir den Gutachtern und natürlich der Sorgfalt der Autoren.

Figure 4.

“Der Denker” von Auguste Rodin, hier als Denkmal des unbekannten Gutachters.

Dank deshalb auch diesen: Es sind schließlich die Autoren, die die Angewandte Chemie wählen oder der Einladung der Redaktion folgen, um neue Ergebnisse und anregende Gedanken der weltweiten Öffentlichkeit vorzustellen. Stellvertretend für die vielen sei an dieser Stelle besonders den Autoren dieses Jubiläumsheftes gedankt. In einem Heft Beiträge von 16 Chemie-Nobelpreisträgern und vielen Mitgliedern des Kuratoriums und des Internationalen Beirats präsentieren zu können, die von der Aphorismensammlung über den Essay und das Interview bis zum wissenschaftlichen Aufsatz und zur klassischen Zuschrift reichen, demonstriert die Verbundenheit einer großen internationalen Autorenschaft mit der Angewandten Chemie.

Dank gilt schließlich den Lesern, für die wir das Feuerwerk dieses Heftes zünden, damit sie zu eigenen Leistungen befeuert werden. Die Resonanz bei Lesern misst sich heute nicht mehr in der Auflagenhöhe einer Zeitschrift, sondern in der Zahl der Volltext-Zugriffe pro Zeiteinheit, und diese Kennzahl demonstriert, dass der Resonanzraum der Angewandten Chemie in der Welt der Wissenschaft riesig ist und weit über die Chemie in die Nachbardisziplinen von Bio- und Materialwissenschaften sowie Medizin und Physik hineinreicht. Leser sind häufig Autoren, sind häufig Gutachter, sind häufig Leser – und so weiter. Wie so einer aussieht, zeigt Abbildung 5: Robert Burns Woodward war Autor und Leser der Angewandten Chemie, und er legte auf die Sprache in Publikationen besonderen Wert. So schrieb er in einem Brief, den ich Jeffrey I. Seeman verdanke: “It is a very valuable asset to a chemist to be able to formulate his ideas, describe his experiments, and express his conclusions in clear, forceful English. Further, since thought necessarily involves the use of words, thinking is more powerful, and its conclusions are more valid, in the degree to which the thinker has a command of language.” In der Muttersprache kann man sich nun einmal klarer und kraftvoller ausdrücken als in einer Fremdsprache. Es ist deshalb besonders erfreulich, dass die Angewandte Chemie auch in ihrem 125. Jahrgang in wesentlichen Teilen noch auf Deutsch erscheint, wenn auch die englische Ausgabe die weitere Verbreitung hat.

Figure 5.

Robert Burns Woodward mit der Angewandten Chemie auf seinem aufgeräumten Schreibtisch. Das Bild wurde von Walter Lwowski (Las Cruces, New Mexico, USA) aufgenommen und von J. I. Seeman (Richmond, Virginia, USA) und W. Maio (Las Cruces) zur Verfügung gestellt; allen drei gilt mein Dank.

Der ganze Jubiläumsjahrgang soll ein Feuerwerk werden, und mit diesem Heft ist ein guter Anfang gemacht. Als Nächstes wird Heft 10 zum Festsymposium am 12. März 2013 in Berlin erscheinen und Beiträge der Vortragenden und weiterer Kuratoriums- und Beiratsmitglieder enthalten. Das Festsymposium, zu dem alle Leser herzlich eingeladen sind (siehe Anzeige in diesem Heft und die Homepage der GDCh), ist in die Chemiedozententagung “eingebettet” – so wie die Angewandte Chemie seit 125 Jahren in das Treiben der Chemiker und Chemikerinnen. Der Jubiläumsjahrgang ist dann noch nicht zu Ende – und es mögen viele weitere Jubiläumsjahrgänge für die Angewandte Chemie folgen. Die Aufgaben, die sich der Chemie heute stellen, sind jedenfalls ein Garant für viele Publikationen der chemischen Avantgarde der Zukunft. Peter Gölitz

Thumbnail image of

Ancillary