Wissen fördert eine qualifizierte öffentliche Diskussion

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Fritz E. Kühn ist Professor für Molekulare Katalyse an der TU München und kommissarischer Vertreter des Lehrstuhls für Anorganische Chemie an der TUM. Seit 2012 leitet er das Ernst-Otto-Fischer-Seminar in Burghausen zur Fortbildung von Chemielehrern.

Wissen fördert eine qualifizierte öffentliche Diskussion

Das Fach Chemie wird in der breiten Öffentlichkeit nicht so positiv betrachtet wie es seiner Bedeutung für die Entwicklung von Menschen und Gesellschaft entspräche. Man denke dabei beispielsweise an das Haber-Bosch-Verfahren als Grundlage für die Erzeugung von Düngemitteln, ohne die eine Weltbevölkerung auf gegenwärtigem Niveau nicht möglich wäre und Milliarden von Menschen dem Hungertod zum Opfer fallen würden. Auch die Errungenschaften moderner Medizin beruhen vielfach auf chemischen Erkenntnissen.

Als schwierig betrachtete Formelsprache und potentiell gesundheitsschädliche chemische Verbindungen scheinen dennoch ein negatives Bild des Faches Chemie zu stützen. Dass alle in der uns zugänglichen Welt vorkommenden Stoffe und alle Lebewesen aus chemischen Verbindungen und chemischen Elementen bestehen bzw. aufgebaut sind, wird oft ebenso übersehen wie die Tatsache, dass Leben in den uns vertrauten Formen ohne ihren Aufbau aus zahlreichen chemischen Elementen nicht möglich wäre. Eine Aufteilung der Welt in (negativ assoziierte) “Chemie” und (positiv assoziiertes) “Bio” ist daher eigentlich unsinnig und auf mangelndes Verständnis der Naturwissenschaften gegründet.

Eine Aufteilung der Welt in negativ assoziierte Chemie und positiv assoziiertes Bio gründet auf mangelndem Verständnis der Naturwissenschaften

Es besteht die Notwendigkeit der Verbreitung von Wissen, das einer ansprechenden und allgemein verständlichen Vermittlung bedarf. Die Kluft zwischen der wissenschaftlichen Forschung und dem verbreiteten Allgemeinwissen ist nach wie vor groß, trotz der durch die elektronischen Medien deutlich gewachsenen Zugänglichkeit von Wissen. Um vor diesem Hintergrund einen Beitrag zu verständlicher, moderner Forschung zu leisten, hat die Technische Universität München (TUM) in Zusammenarbeit mit der Industrie und dem Aventinus-Gymnasium in Burghausen 2012 das Ernst-Otto-Fischer-Seminar ins Leben gerufen, um Chemielehrer in verständlicher Weise über Fortschritte in aktuellen Forschungsgebieten (ihrer Wahl) zu informieren. Benannt ist das Seminar nach dem deutschen Chemienobelpreisträger Ernst Otto Fischer (1918–2007; Professor für Anorganische Chemie an der TUM von 1964–1985; Nobelpreis 1973 für Leistungen auf dem Gebiet der Organometallchemie, zusammen mit Geoffrey Wilkinson), dem Lehre und verständliche Forschung Zeit seines Lebens sehr am Herzen lagen und der großen Wert auf ansprechende Weitergabe von aktuellen Forschungsergebnisse legte.

Neben dem Seminar, das naturgemäß nur eine begrenzte Zahl von Teilnehmern erreichen kann, werden zur Erzielung einer noch größeren Breitenwirkung ausgewählte Vorträge des Seminars als Aufsätze in der Zeitschrift Chemie in unserer Zeit veröffentlicht. Nur durch umfassende öffentliche Bildung und ausreichendes Wissen kann eine qualifizierte und kompetente Diskussion in der Öffentlichkeit über wissenschaftliche Errungenschaften und deren Auswirkung geführt werden, die einer offenen Gesellschaft und einem demokratischen Gesellschaftssystem würdig ist. Halbwissen und unzureichende Bildung eröffnen Demagogie, Desinformation und Angst Tür und Tor. Dem entgegenzuwirken, liegt in der Verantwortung unseres Bildungssystems und den Trägern von Wissenschaft und Forschung. Dieser Verantwortung gerecht zu werden, ist eine Herausforderung für uns Wissenschaftler, liegt aber auch in unserem Interesse begründet, weiterhin und letztlich zum Wohle der uns tragenden Gesellschaft wissenschaftliches Neuland zu betreten und zusammen mit Politik und Öffentlichkeit die Auswirkungen der Entdeckungen auf Augenhöhe diskutieren und einordnen zu können.

Fritz E. Kühn

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Fritz E. Kühn ist Professor für Molekulare Katalyse an der TU München und kommissarischer Vertreter des Lehrstuhls für Anorganische Chemie an der TUM. Seit 2012 leitet er das Ernst-Otto-Fischer-Seminar in Burghausen zur Fortbildung von Chemielehrern. [Foto: Thorsten Naeser]

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