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  • Langzeitpflege;
  • ältere Menschen;
  • Armut;
  • Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen;
  • Europa

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  1. Top of page
  2. Auszug
  3. Einführung
  4. Sozialschutz für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege in Europa: Zentrale Merkmale
  5. Öffentliche Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  6. Die Belastung der Älteren durch private Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  7. Wie häufig kommt es zu individuellem Ruin infolge von Direktzahlungen?
  8. Welches sind die Anfälligsten?
  9. Zusammenfassung der vergleichenden Analyse
  10. Schlussfolgerungen und Konsequenzen für die Politik
  11. Literaturverzeichnis

Während die Ausgaben für Gesundheit und Pflege in europäischen Ländern seit Jahren unter scharfer Beobachtung stehen, wurde den finanziellen Folgen privater Ausgaben älterer Menschen als Voraussetzung für den Zugang zu diesen Leistungen und zur Pflege wesentlich weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Nach Auswertung repräsentativer Querschnittsdaten zur älteren Bevölkerung von elf europäischen Ländern aus dem Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) für 2004 kommen wir zu dem Ergebnis, dass Direktzahlungen von Älteren für Gesundheit und Pflege in europäischen Ländern weitverbreitet sind und beträchtliche Auswirkungen auf das verfügbare Einkommen haben: Bis zu 95 Prozent der Älteren tätigen Direktzahlungen für Gesundheit und 5 Prozent für Pflege, wodurch ihr Einkommen jeweils zwischen 5 und 10 Prozent schrumpft. 0,7 Prozent der Haushalte Älterer, die Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen, und 0,5 Prozent der Haushalte Älterer, die Langzeitpflege in Anspruch nehmen müssen, erleiden infolgedessen finanziellen Ruin. Zu den Betroffenen zählen insbesondere die Armen, Frauen und sehr alte Menschen.


Einführung

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  5. Öffentliche Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  6. Die Belastung der Älteren durch private Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  7. Wie häufig kommt es zu individuellem Ruin infolge von Direktzahlungen?
  8. Welches sind die Anfälligsten?
  9. Zusammenfassung der vergleichenden Analyse
  10. Schlussfolgerungen und Konsequenzen für die Politik
  11. Literaturverzeichnis

In vielen Ländern sind Zuzahlungen, Gebühren und andere private Ausgaben Voraussetzung für den Zugang zu Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege, obwohl die Betroffenen von Systemen sozialer Sicherheit wie staatlichen Gesundheitssystemen, Kranken- und Langzeitpflegeversicherung gedeckt sind (IAA, 2008). Katastrophal hohe Direktzahlungen – definiert als Ausgaben von mehr als 40 Prozent des verfügbaren Einkommens – könnten die Betroffenen in Schulden und Armut treiben (Xu et al., 2007). Wenngleich sich die meisten bislang durchgeführten Untersuchungen auf die Folgen von Direktzahlungen in Entwicklungsländern konzentriert haben (Bredenkamp, Mendola und Gragnolati, 2011; Van Doorslaer et al., 2007), ergaben neuere Forschungsarbeiten (XU et al., 2007), dass katastrophal hohe Direktzahlungen die Ursache der Verarmung von 0,6 Prozent der Haushalte in den entwickelten Ländern sind. Dies schließt Europa ein, worauf der Schwerpunkt dieses Artikels liegt. Wenn benötigte Gesundheits- und Langzeitpflegeleistungen nur für die Wohlhabenderen erschwinglich sind, können Sozialschutzsysteme die Ungleichheit verschärfen, statt sie zu verringern. Außerdem können die negativen Auswirkungen solcher katastrophal hohen Ausgaben in Verbindung mit der angespannten Situation der öffentlichen Haushalte aufgrund der aktuellen Schuldenkrise in der Eurozone die Fähigkeit europäischer Sozialschutzsysteme schwächen, ihre Ziele zu erreichen.

Die Doppelbelastung der älteren Bevölkerung durch Gesundheits- und Langzeitpflegekosten ist kein neues Phänomen. Allerdings beschränken sich europäische Regierungen und große internationale Organisationen auf die Analyse der öffentlichen Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege (Europäische Kommission, 2009; OECD, 2011a, 2011b), und widmen den finanziellen Auswirkungen privater Ausgaben in Form von Direktzahlungen der Älteren in öffentlichen Debatten weniger Aufmerksamkeit.

Für die Situation vieler älterer Menschen ist Talia S., eine auf einer kleinen griechischen Insel lebenden 81 Jahre alten Dame repräsentativ: Sie arbeitete ihr ganzes Leben als mithelfende Familienangehörige auf dem Bauernhof ihres Ehemannes und bezieht jetzt eine Bauernwitwenrente in Höhe von EUR 400 pro Monat. Obwohl sie Deckung durch ein spezielles soziales Krankenversicherungssystem für Landarbeiter hat, führen Kostenbeteiligungsbestimmungen dazu, dass sie mehr als 5 Prozent ihres Einkommens für Zuzahlungen für benötigte Gesundheitsleistungen und Arzneimittel aufwenden muss. Eine weitere schwere finanzielle Belastung, die 10 Prozent ihres Einkommens verschlingt, stellen die Kosten für Hilfeleistungen bei grundlegenden Alltagsverrichtungen wie Waschen und Ankleiden dar. Infolge weiterer Ausgaben (für beispielsweise Wohnung, Ernährung, Versicherungen und Transport zu medizinischen Einrichtungen) übersteigen ihre monatlichen Ausgaben die Höhe ihrer kleinen Witwenrente: Talia S. kann die Zahlungen für Pflege und Gesundheit nicht bestreiten, ohne zu einer finanziellen Belastung für ihre zwei Söhne und deren Familien zu werden.

Infolge der demografischen Alterung aller Bevölkerungen in Europa ist die größer werdende Lücke beim finanziellen Schutz in der Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege für gebrechliche Ältere für immer mehr Menschen zu einem Problem geworden – vor allem für solche, die ohnehin wirtschaftlich benachteiligt sind. Auf dieses Problem wurde auch im Rahmen einer umfassenden Debatte über die Folgen des demografischen Wandels für Systeme der sozialen Sicherheit eingegangen (Bloom und McKinnon, 2010). Zu den am stärksten Betroffenen zählen die Mitglieder der Bevölkerungskohorte der 85-Jährigen und älteren. Zwischen 1994 und 2010 wuchs diese Bevölkerungskohorte im Durchschnitt neunmal rascher als der Rest der europäischen Bevölkerung (Schaubild 1).

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Figure 1. Durchschnittliches Bevölkerungswachstum 1994-2010 (in Prozent), nach großen Kohorten, in europäischen Ländern

Hinweis: EU-27 = alle oben genannten Länder außer Andorra, Schweiz, Norwegen, Liechtenstein und Island.

Quelle: Berechnungen der Verfasser auf der Grundlage von EUROSTAT.

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Vor diesem Hintergrund untersucht dieser Artikel die finanziellen Auswirkungen privater Direktzahlungen älterer Menschen für Gesundheit und Pflege in ausgewählten europäischen Ländern1. Insbesondere versuchen wir, die folgenden zentralen Fragen zu beantworten: Welches sind die finanziellen Auswirkungen direkter privater Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege auf die gebrechlichen Älteren? Wie häufig kommt es angesichts des Umstands, dass europäische Wohlfahrtsstaaten unzureichende Deckung für notwendige Versorgung und Pflege bieten, zu individuellem finanziellem Ruin? Welche Gruppen der gebrechlichen Älteren, die solche Kosten schultern müssen, sind am meisten betroffen?

Wir definieren als „ältere“ Menschen die ab 50-Jährigen. Wo immer dies möglich ist, unterscheiden wir weiter zwischen Haushalten mit Mitgliedern, die ab 50, ab 65 oder ab 85 Jahre alt sind.

Nach einem kurzen Überblick über Sozialschutzsysteme für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege werden zentrale Faktoren analysiert, welche die Belastung Direktzahlungen der Älteren durch Direktzahlungen länderübergreifend und innerhalb spezieller Gruppen charakterisieren. Wir ermitteln die Häufigkeit von Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege und ihre Auswirkungen auf das Einkommen der Haushalte. So können wir abschätzen, inwieweit soziale Krankenversicherungssysteme den Älteren Schutz bieten. Außerdem analysieren wir die Merkmale der gebrechlichen Älteren, die am stärksten betroffen sind.

Wir verwenden auf nationaler Ebene repräsentative Daten aus dem Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE 2004) zur älteren Bevölkerung in elf europäischen Ländern für das Jahr 2004, die Ende 2009 veröffentlicht wurden (SHARE, Ausgabe 2.3.0)2. Die Stichprobe ist repräsentativ für die ältere Bevölkerung in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, den Niederlanden, Österreich, Schweden, der Schweiz und Spanien. Die Datenbasis umfasst Mikrodaten zu Gesundheit, sozioökonomischem Status sowie sozialen und Familiennetzwerken von ab 50-Jährigen aus 19 411 Haushalten (28 357 Personen). Es werden Durchschnittswerte zu einem bestimmten Zeitpunkt angegeben, sodass die Ergebnisse die Bevölkerungsdurchschnitte nur ungenau wiedergeben. Kalibrierte Querschnittsangaben werden verwendet, um die potenzielle Selektionsverzerrung zu minimieren, die sich aufgrund von Haushalten und Personen, die keine Angaben gemacht haben, ergeben kann (Klevmarken, Swensson und Hesselius, 2005, S. 28-69)3.

Sozialschutz für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege in Europa: Zentrale Merkmale

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  5. Öffentliche Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  6. Die Belastung der Älteren durch private Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  7. Wie häufig kommt es zu individuellem Ruin infolge von Direktzahlungen?
  8. Welches sind die Anfälligsten?
  9. Zusammenfassung der vergleichenden Analyse
  10. Schlussfolgerungen und Konsequenzen für die Politik
  11. Literaturverzeichnis

Die zwei in Europa vorherrschenden Gesundheitsfinanzierungsmechanismen, nämlich die steuerfinanzierten staatlichen Gesundheitsdienste und die beitragsabhängigen Sozialversicherungssysteme erreichen eine fast universelle Deckung der Bevölkerung durch die Krankenversicherung. In vielen Ländern besteht jedoch ein Mix von Komponenten aus beiden Modellen. Ein dritter Finanzierungsmechanismus – Direktzahlungen – hängt von der Inanspruchnahme von Leistungen ab (Scheil-Adlung und Bonnet, 2011) und findet sich in unterschiedlichem Ausmaß in fast allen Ländern.

Viele Länder mit staatlichen Gesundheitsdiensten wie das Vereinigte Königreich und Italien haben entsprechenden Finanzierungsmechanismen auch für die Finanzierung der Langzeitpflege übernommen (Tabelle 1). Diese Systeme basieren manchmal auf einer Bedürftigkeitsprüfung und bieten dann nur den ärmsten Segmenten der Bevölkerung Deckung. Länder mit sozialen Krankenversicherungssystemen richten häufig steuerfinanzierte Langzeitpflege ein. Deutschland hat dagegen eine obligatorische Sozialversicherung für die Langzeitpflege eingeführt.

Table 1. Wichtige Finanzierungsmechanismen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege, ausgewählte Länder
Quellen: SSA und IVSS (verschiedene Jahre) und IAO-Datenbanken.
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In den europäischen Ländern ist das Angebot an medizinischen Gesundheitsleistungen mehr oder weniger vergleichbar und entspricht im Großen und Ganzen dem Übereinkommen (Nr. 102) über die Soziale Sicherheit (Mindestnormen), 1952, der Internationalen Arbeitsorganisation. Die Langzeitpflegeleistungen variieren dagegen stark von Land zu Land. Sie werden entweder als Geldleistungen (wie in Belgien), als Sachleistungen (wie in Frankreich) oder als eine Kombination von Geld- und Sachleistungen (wie in Deutschland, den Niederlanden, Österreich und im Vereinigten Königreich) bereitgestellt (Scheil-Adlung und Kuhl, 2011).

Langzeitpflegeleistungen umfassen ein breites Spektrum nicht medizinischer Unterstützungsleistungen, die über einen längeren Zeitraum geboten werden. Die Bezugsberechtigung basiert häufig auf dem Vorliegen von chronischen Krankheiten oder Behinderungen, die dazu führen, dass die Betroffenen unfähig sind, „Alltagsverrichtungen“ zu bewältigen. Beispielsweise zählen für die Beurteilung des für die Leistungshöhe ausschlaggebenden Grades der Behinderung eingeschränkte Fähigkeiten, sich anzukleiden, zu gehen, sich zu waschen, zu essen und selbstständig die Toilette zu benutzen. Typische Langzeitpflege-Sachleistungen können Dienstleistungen umfassen, die zu Hause oder in Pflegeheimen erbracht werden, wie dies beispielsweise in den skandinavischen Ländern (Dänemark und Schweden) der Fall ist. Diese Leistungen können entweder vom öffentlichen oder vom privaten Sektor erbracht werden. Langzeitpflege-Geldleistungen bestehen aus Beihilfen zur Finanzierung von Pflegeleistungen. Solche Unterstützung kann verwendet werden, um Leistungen unmittelbar von Langzeitpflegeanbietern einzukaufen, um private Ausgaben zu decken oder um informelle Pflegekräfte zu bezahlen. Geldleistungen können einer Bedürftigkeitsprüfung unterliegen (Vereinigtes Königreich und Spanien) oder die Form eines Pauschalbetrags haben (Italien), oder ihr Umfang kann von der Schwere der festgestellten Unfähigkeit, grundlegende Alltagsverrichtungen zu bewältigen, abhängen (Deutschland, Österreich und Spanien). Es kommt häufig vor, dass die Leistungshöhe nicht ausreicht, um die Gesamtkosten der Langzeitpflege älterer Menschen zu decken, sodass zusätzliche private Ausgaben anfallen.

Neben der Frage der Erschwinglichkeit ist der effektive Zugang zu Gesundheits- und Langzeitpflegeleistungen vom Vorhandensein entsprechender Dienste abhängig, beispielsweise von Diensten, die eine ausreichende Zahl von Gesundheits- oder Pflegefachkräften oder das Vorhandensein von Infrastruktur voraussetzen, insbesondere in ländlichen Gebieten. Vor allem in Bezug auf die Langzeitpflege besteht ein drastischer Mangel an formellen Pflegefachkräften: Schätzungen zufolge ist der Anteil formeller Langzeitpflegefachkräfte am Gesamtpflegepersonal beträchtlich kleiner als der Anteil der informellen Pflegekräfte, und was die häusliche Pflege betrifft, so ist in den meisten europäischen Ländern der Anteil der im Ausland geborenen Pflegekräfte höher als der Anteil der einheimischen Pflegekräfte (Fujisawa und Colombo, 2009). Infolgedessen müssen Bedürftige allzu häufig auf informelle Pflegekräfte wie Familienangehörige oder qualifizierte oder unqualifizierte Pflegekräfte aus dem Ausland zurückgreifen, die von privaten Haushalten rechtmäßig oder unrechtmäßig angestellt werden. Im Endergebnis füllt die informelle Pflege wichtige Lücken bei der Verfügbarkeit von Leistungen und kann große Auswirkungen auf die privaten Ausgaben haben.

Öffentliche Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege

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  6. Die Belastung der Älteren durch private Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  7. Wie häufig kommt es zu individuellem Ruin infolge von Direktzahlungen?
  8. Welches sind die Anfälligsten?
  9. Zusammenfassung der vergleichenden Analyse
  10. Schlussfolgerungen und Konsequenzen für die Politik
  11. Literaturverzeichnis

In den ursprünglichen 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU-15)4 stellt die Bereitstellung der öffentlichen Gesundheitsversorgung nach den Rentensystemen den zweitgrößten Posten öffentlicher Ausgaben für die ältere Bevölkerung dar (Rodrigues und Schmidt, 2010; Huber et al., 2009), dessen Umfang von etwa 5,5 bis 8 Prozent des BIP reicht.

Wesentlich weniger öffentliche Mittel werden für Langzeitpflegeausgaben bereitgestellt: Sie reichen von weniger als 0,5 Prozent des BIP wie in Griechenland und Spanien bis zu etwa 3,5 Prozent wie in den Niederlanden und in Schweden. Die meisten Länder wenden zwischen 1 und 1,5 Prozent des BIP auf (Schaubild 2). Dieser sehr niedrige Prozentsatz weist auf Lücken im finanziellen Schutz hin (das heißt, dass die Höhe der Langzeitpflegeleistungen häufig zur Deckung der Kosten nicht ausreicht), was bedeutet, dass die Kosten für benötigte Pflege zum Teil aus privaten Mitteln bestritten werden müssen.

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Figure 2. Öffentliche Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege (in Prozent des BIP), ausgewählte Länder, 2008

Quellen: OECD (2011b); OECD Health Care Data 2010 (Daten zu Griechenland für 2007); öffentliche Ausgaben für Gesundheitsversorgung in den Niederlanden aus Weltbank, World Development Indicators <http://data.worldbank.org/data-catalog/world-development-indicators>; Langzeitpflegedaten für Italien aus Huber et al. (2009).

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In vielen Ländern werden öffentliche Mittel für Langzeitpflege einseitig für die Pflege durch qualifizierte Fachkräfte eingesetzt, insbesondere in einem institutionellen Pflege-Setting (Rodrigues und Schmidt, 2010). In den unterschiedlich hohen Langzeitpflegeausgaben der Länder lassen sich somit Vergütungsunterschiede ablesen, die auf nationalen Präferenzen bei der Nutzung formeller oder informeller Pflege beruhen.

Die Belastung der Älteren durch private Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege

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  5. Öffentliche Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  6. Die Belastung der Älteren durch private Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  7. Wie häufig kommt es zu individuellem Ruin infolge von Direktzahlungen?
  8. Welches sind die Anfälligsten?
  9. Zusammenfassung der vergleichenden Analyse
  10. Schlussfolgerungen und Konsequenzen für die Politik
  11. Literaturverzeichnis

Wie stark ist die Belastung der Älteren durch private Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege? Für unsere Zwecke führen wir eine Einschätzung der Belastung in Bezug auf folgende Aspekte durch:

  • die Inanspruchnahme von Gesundheits- und Langzeitpflegeleistungen durch Ältere;
  • die Häufigkeit von Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege; und
  • das dadurch verursachte Maß der Auswirkungen auf das Einkommen von Älteren.

Des Weiteren versuchen wir die gemeinsamen sozioökonomischen Merkmale der anfälligsten betroffenen Gruppen zu ermitteln.

Die 2009 veröffentlichte SHARE-Datenbasis zur älteren Bevölkerung für das Jahr 2004 ermöglicht uns, die finanzielle Belastung der Älteren in elf europäischen Ländern zu beurteilen: Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, den Niederlanden, Österreich, Schweden, der Schweiz und Spanien.

Die Inanspruchnahme von Gesundheits- und Langzeitpflegeleistungen durch Ältere

Die Niveaus der Inanspruchnahme von Gesundheits- und Langzeitpflegeleistungen sind wichtige Indikatoren für das Verständnis der finanziellen Belastung der älteren Bevölkerung. Je häufiger Leistungen in Anspruch genommen werden, desto gravierender sind die Auswirkungen von Direktzahlungen. Dies gilt insbesondere, wenn aufgrund der Ausgestaltung des Sozialschutzsystems Lücken beim finanziellen Schutz offengeblieben sind. Wenn trotz identischen Bedarfs über die Einkommensgruppen hinweg signifikante Unterschiede in der Inanspruchnahme bestehen, drängt es sich auf zu untersuchen, wie es um die Gerechtigkeit bestellt ist.

Die Datenanalyse führt zu folgenden Resultaten:

  • Zwischen 80 und 90 Prozent der Älteren in europäischen Ländern nehmen ambulante Gesundheitsversorgung in Anspruch. Die Zahl der ab 50-Jährigen, die angaben, im zurückliegenden Jahr eine Arztpraxis aufgesucht zu haben, reicht von 80 Prozent in Dänemark bis zu mehr als 90 Prozent in Belgien und Frankreich (Scheil-Adlung und Bonan, 2012).
  • Ein signifikanter Prozentsatz der Älteren nimmt stationäre Versorgung in Anspruch. Der Anteil der für mindestens eine Nacht in ein Krankenhaus eingewiesenen Älteren variiert zwischen 9 Prozent in Griechenland sowie den Niederlanden und 20 Prozent in Österreich.
  • Bei den Gesundheitsleistungen verteilt sich die Inanspruchnahme in den europäischen Ländern im Allgemeinen gerecht über die Einkommensgruppen hinweg (Van Doorslaer et al., 2000; Van Doorslaer und Masseria, ).
  • Die Inanspruchnahme von Langzeitpflege hingegen variiert von Land zu Land sehr stark (Schaubild 3). Die Niveaus der Inanspruchnahme durch die ab 65-Jährigen reichen von etwa 5 Prozent in Spanien bis zu etwa 20 Prozent in der Schweiz. Bei den ab 80-Jährigen belaufen sich die entsprechenden Werte in denselben Ländern auf 13 beziehungsweise 45 Prozent. Die beträchtlichen Unterschiede zwischen den Ländern können durch verschiedene Faktoren erklärt werden. Hierzu zählen Unterschiede der Familiengröße und der Erwerbsbeteiligung von Frauen, was beides einen Einfluss hat auf die informelle Pflege durch Angehörige, Unterschiede in der Größe der informellen Arbeitsmärkte für Pflege sowie die Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit formeller Leistungen. In allen Ländern nimmt ein hoher Anteil der ab 80-Jährigen, der zwischen 13 und 45 Prozent beträgt, Langzeitpflege in Anspruch; der Anteil der ab 65-Jährigen, die Langzeitpflege in Anspruch nehmen, variiert von 5 bis nahezu 20 Prozent.
  • Die häusliche Pflege ist bei allen Altersgruppen vorherrschend, während sich die öffentlichen Ausgaben auf die institutionelle Pflege konzentrieren (Rodrigues und Schmidt, 2010; OECD, 2011a, 2011b). Es kann folglich sein, dass die von der Politik favorisierten Finanzierungsprioritäten (institutionelle Pflege) nicht ausreichend an die Pflegebedürfnisse der älteren Bevölkerung (häusliche Pflege) angepasst sind, was höhere private Ausgaben notwendig macht.
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Figure 3. Nutzer von Langzeitpflege als Anteil der Referenzkohorte (ab 65-Jährige und ab 80-Jährige), ausgewählte Länder, neueste verfügbare Daten (2007-2009)

Quelle: Berechnungen der Verfasser auf der Grundlage von OECD Health Data 2010.

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Die Notwendigkeit von Langzeitpflege bemisst sich formell an den ermittelten Beschränkungen der Fähigkeit einer Person, die Alltagsverrichtungen unabhängig zu bewältigen. Die Inanspruchnahme kann jedoch auch noch von weiteren Faktoren abhängen:

  • vom Einkommen (spielt eine wichtige Rolle für die Frage, ob die von den Sozialschutzsystemen nicht gedeckten Kosten privat bestritten werden können);
  • von der eingeschränkten Verfügbarkeit von Leistungen aufgrund von Personalmangel;
  • von strengen Kriterien für die Bezugsberechtigung;
  • von einem beschränkten Angebot an Sach- und Geldleistungen, das den Zugang zu benötigten Leistungen verhindert; und
  • von Lücken beim finanziellen Schutz, die Zuzahlungen notwendig machen.

Wenngleich diese Faktoren auch bei der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen wichtig sind, wirken sie sich bei der Langzeitpflege stärker aus. Und zwar, weil die Sach- und Geldleistungen in der Langzeitpflege beschränkt sind und in den meisten Ländern ein großer Mangel an Pflegekräften herrscht, selbst in solchen mit hohen Zahlen irregulär beschäftigter ausländischer Hausangestellter.

In manchen der untersuchten Länder (Belgien, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Schweden und Spanien) sind mehr Menschen aus dem niedrigsten Einkommensquintil mit Einschränkungen bei der Bewältigung von Alltagsverrichtungen konfrontiert als aus dem höchsten Einkommensquintil (Scheil-Adlung und Bonan, 2012). Dieser Unterschied schlägt sich in der höheren Inanspruchnahme von Langzeitpflege durch Ältere im niedrigsten Einkommensquintil nieder (Schaubild 4)5.

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Figure 4. Inanspruchnahme von Langzeitpflege durch Personen ab 50 Jahren nach Pro-Kopf-Haushaltseinkommensquintilen (in Prozent), ausgewählte Länder, 2004

Quelle: Berechnungen der Verfasser auf der Grundlage von SHARE (2004); die Durchschnitte wurden unter Berücksichtigung des vollständigen Angabenausfalls auf der individuellen Ebene gewichtet. Das 1. Einkommensquintil enthält die 20 Prozent der Bevölkerung mit dem niedrigsten Einkommen, das 5. Einkommensquintil die 20 Prozent der Bevölkerung mit dem höchsten Einkommen.

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In anderen Ländern (Deutschland, Italien und Österreich) nehmen jedoch die Älteren in höheren Einkommensgruppen die Langzeitpflege stärker in Anspruch als diejenigen in niedrigeren Einkommensgruppen. Zu den möglichen Erklärungen für diese je nach Land verschiedene Inanspruchnahme zählen strenge Kriterien für die Bezugsberechtigung und enge Beurteilungen der Fähigkeit zur Bewältigung von Alltagsverrichtungen. Dies kann die Armen vom Zugang zu benötigter Pflege ausschließen und zu einer Nichtinanspruchnahme führen, weil die niedrigeren Einkommensgruppen finanziell zu wenig geschützt sind, aber auch, weil die bevorzugten häuslichen Leistungen für die Armen weniger zur Verfügung stehen als für die Reichen.

Häufigkeit von Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung sowie Langzeitpflege und ihre Auswirkungen auf das Einkommen der Älteren

Wie häufig sind Direktzahlungen von Älteren? Welcher Anteil der Bevölkerung leistet Direktzahlungen? Wie wirken sich Direktzahlungen auf das Einkommen der betroffenen Haushalte aus? Zentrale Aspekte, die es in diesem Kontext zu berücksichtigen gilt, sind die Häufigkeit und die Höhe beziehungsweise das Gewicht von Direktzahlungen6.

In der folgenden Beurteilung für ausgewählte Länder werden die Direktzahlungen von Haushalten Älterer für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege als Anteil des Gesamtbruttoeinkommens dieser Haushalte angegeben. Dies ermöglicht uns den Vergleich der Wirksamkeit von Sozialschutzsystemen beim finanziellen Schutz und schließlich auf die Gerechtigkeit, unabhängig von den Kosten der Leistungen und den Unterschieden der Lebenshaltungskosten.

Für die ausgewählten Länder ergeben die Daten, dass zwischen 75 und 90 Prozent der Haushalte von Älteren mit mindestens einem Mitglied ab 50 Jahren Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung leisten; Anteile unter 50 Prozent werden nur in Frankreich, den Niederlanden und Spanien beobachtet (Schaubild 5).

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Figure 5. Anteil der Haushalte von Älteren mit Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung, ausgewählte Länder, 2004

Quelle: Berechnungen der Verfasser auf der Grundlage von <SHARE (2004). Ausgaben für Gesundheitsversorgung betreffen verschriebene Arzneimittel sowie stationäre und ambulante Versorgung. Die Stichprobe umfasst Haushalte mit mindestens einem Mitglied ab 50 Jahren, die Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung leisten.

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Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung verringern das Einkommen der betroffenen Haushalte um 1 bis 5 Prozent; sie belaufen sich auf durchschnittlich 2,5 Prozent des Einkommens der Älteren. Solche Ausgaben haben ein relativ niedriges Niveau von weniger als 2 Prozent in Deutschland, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Österreich und Schweden, übersteigen jedoch die 5-Prozent-Marke in Griechenland (Schaubild 6). Im Durchschnitt entfallen 46 beziehungsweise 44 Prozent dieser Direktzahlungen auf verschriebene Arzneimittel und ambulante Versorgung; diese Kategorien haben auch die größten Auswirkungen auf das Haushaltseinkommen7.

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Figure 6. Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung als Prozentsatz des Bruttoeinkommens von Haushalten Älterer nach unterschiedlichen Ausgabenkategorien, ausgewählte Länder, 2004

Quelle: Berechnungen der Verfasser auf der Grundlage von SHARE (2004). Ausgaben für Gesundheitsversorgung betreffen verschriebene Arzneimittel sowie stationäre und ambulante Versorgung. Die Stichprobe umfasst Haushalte mit mindestens einem Mitglied ab 50 Jahren, die Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung leisten; die Stichprobe umfasst weder Haushalte, die angaben, ein Einkommen von 0 zu haben und Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung zu leisten, noch Haushalte mit Direktzahlungen in Höhe von mehr als 100 Prozent des Einkommens; die Durchschnitte wurden unter Berücksichtigung des vollständigen Angabenausfalls auf der Haushaltsebene gewichtet.

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Der Anteil der Älteren, die Direktzahlungen für Langzeitpflege leisten, ist niedriger als der Anteil derer, die dies für die Gesundheitsversorgung tun: Im Durchschnitt leisten etwa 5 Prozent der Haushalte Älterer Direktzahlungen für Langzeitpflege. Die Werte variieren jedoch von Land zu Land beträchtlich von 1,6 Prozent in Italien bis zu nahezu 12 Prozent in Belgien (Schaubild 7).

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Figure 7. Anteil der Haushalte von Älteren mit Direktzahlungen für Langzeitpflege, ausgewählte Länder, 2004

Quelle: Berechnungen der Verfasser auf der Grundlage von SHARE (2004). Ausgaben für Gesundheitsversorgung betreffen verschriebene Arzneimittel sowie stationäre und ambulante Versorgung. Die Stichprobe umfasst Haushalte mit mindestens einem Mitglied ab 50 Jahren, die Direktzahlungen für Langzeitpflege leisten; die Durchschnitte wurden unter Berücksichtigung des vollständigen Angabenausfalls auf der Haushaltsebene gewichtet.

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Die Auswirkungen von Langzeitpflege auf die Haushaltsbudgets sind allerdings wesentlich gravierender als diejenigen der Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung: Im Durchschnitt verbrauchen die betroffenen Haushalte fast 10 Prozent ihres Einkommens in der Form von Direktzahlungen für Langzeitpflegeleistungen. Ausgabenniveaus von mehr als 10 Prozent des Einkommens, wie sie in Dänemark, Griechenland, Italien und Schweden registriert werden, können als spürbare Belastung betrachtet werden, während der Wert von etwa 25 Prozent des Einkommens in Spanien inakzeptabel hoch ist (Schaubild 8). Bei den Älteren, die sowohl Gesundheitsversorgung als auch Langzeitpflege in Anspruch nehmen, beschränken die Direktzahlungen für Langzeitpflege das verfügbare Einkommen, das ja bereits durch die Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung um durchschnittlich 2,5 Prozent verringert wurde, noch weiter.

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Figure 8. Direktzahlungen für Langzeitpflege als Prozentsatz des Bruttoeinkommens von Haushalten Älterer, ausgewählte Länder, 2004

Quelle: Berechnungen der Verfasser auf der Grundlage von SHARE (2004). Die Stichprobe umfasst Haushalte mit mindestens einem Mitglied ab 50 Jahren, die Direktzahlungen für Langzeitpflege leisten; die Stichprobe umfasst weder Haushalte, die angaben, ein Einkommen von 0 zu haben und Direktzahlungen für Langzeitpflege zu leisten, noch Haushalte mit Direktzahlungen in Höhe von mehr als 100 Prozent des Einkommens; die Durchschnitte wurden unter Berücksichtigung des vollständigen Angabenausfalls auf der Haushaltsebene gewichtet.

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Wie häufig kommt es zu individuellem Ruin infolge von Direktzahlungen?

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  11. Literaturverzeichnis

Wenn die Häufigkeit und/oder die Höhe beziehungsweise das Gewicht von Direktzahlungen ein bestimmtes Maß überschreiten, kann die betreffende Person oder der betreffende Haushalt die Belastung durch diese Ausgaben vielleicht nicht mehr tragen, und es kommt zu finanziellen Problemen: Finanzieller Ruin infolge katastrophal hoher Ausgaben tritt dann ein, wenn die Direktzahlungen für entweder Gesundheitsversorgung oder Langzeitpflege 100 Prozent des Haushaltseinkommens überschreiten. Zu den Gründen hierfür zählen ein sehr niedriges Einkommen und/oder sehr hohe Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung oder Langzeitpflege. Dass Direktzahlungen zu finanziellem Ruin führen können, signalisiert erhebliche Lücken im sozialen Gesundheitsschutz und in der Langzeitpflege. Dies gilt insbesondere für den finanziellen Schutz: Wenn dieser ausreichender wäre, gäbe es keine so hohen Niveaus bei den Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege wie heute.

Unerträglich hohe Direktzahlungen, die den finanziellen Ruin gemäß der obigen Definition zur Folge haben, werden bei einem beträchtlichen Anteil der Bevölkerung in allen untersuchten europäischen Ländern beobachtet, und zwar trotz des Vorhandenseins von sozialer Krankenversicherung und Sozialschutzsystemen für Langzeitpflege in diesen Ländern. Im Durchschnitt erleiden in Europa 0,7 Prozent der Haushalte Älterer, die Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen, und 0,5 Prozent derjenigen, die Langzeitpflege in Anspruch nehmen, finanziellen Ruin infolge übermäßiger Direktzahlungen (Schaubild 9). Diese Zahlen sind sehr hoch und alarmierend.

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Figure 9. Anteil der Haushalte Älterer, die Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung oder Langzeitpflege in Höhe von mehr als 100 Prozent des Bruttohaushaltseinkommens leisten, ausgewählte Länder, 2004

Hinweis: Die Stichprobe enthält nur Haushalte mit mindestens einem Mitglied ab 50 Jahren; die Stichprobe enthält auch Haushalte, die angaben, ein Einkommen von 0 zu haben und Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege zu leisten; die Durchschnitte wurden unter Berücksichtigung der fehelnden Antworten auf der Haushaltsebene gewichtet; Ausgaben für Gesundheitsversorgung betreffen verschriebene Arzneimittel sowie stationäre und ambulante Versorgung.

Quelle: Berechnungen der Verfasser auf der Grundlage von SHARE (2004).

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Nach Ländern aufgeschlüsselt, sind es in Griechenland 220 000 Haushalte Älterer, denen infolge Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung finanzieller Ruin droht, und 170 000 Haushalte Älterer, denen infolge privater Langzeitpflege-Ausgaben finanzieller Ruin droht. In Italien sind es 50 000 Haushalte Älterer, denen infolge Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung finanzieller Ruin droht, und 29 000 Haushalte Älterer, denen infolge privater Langzeitpflege-Ausgaben finanzieller Ruin droht.

Für alle Länder in der Stichprobe gilt, dass mehr Haushalte durch übermäßig hohe Ausgaben für Gesundheitsversorgung als für Langzeitpflege belastet sind. Die Zahl der Haushalte von Älteren, denen aufgrund von Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege finanzieller Ruin droht, sind in Europa jedoch nicht einheitlich verteilt: Am häufigsten betroffen sind die Älteren in Griechenland und Italien sowie in geringerem Maß auch in Dänemark und Schweden.

Von ruinösen Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung sind 2 Prozent der Haushalte Älterer in Griechenland, 1,8 Prozent in Italien und knapp über 1 Prozent in Österreich betroffen. Die Werte liegen zwischen 0,1 und 0,4 Prozent der Haushalte Älterer in Dänemark, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Schweden und der Schweiz.

Von ruinösen Direktzahlungen für Langzeitpflege sind zwischen 1,0 und 1,4 Prozent der Haushalte Älterer in Griechenland, Italien und Österreich betroffen. Die Werte liegen zwischen 0,1 und 0,3 Prozent der Haushalte Älterer in Schweden, Dänemark, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland.

In allen Ländern können Defizite in der Deckung der Bevölkerung durch soziale Krankenversicherungssysteme und durch Langzeitpflegesysteme als Ursache für diese Entwicklungen betrachtet werden. Außerdem resultiert die von Land zu Land ungleiche Verteilung von Direktzahlungen auch aus Unterschieden in der Großzügigkeit von sozialer Krankenversicherung und Langzeitpflegesystemen. Dies gilt insbesondere, was den finanziellen Schutz der gebrechlichen Älteren betrifft. Von nicht geringerer Bedeutung ist der unzureichende Leistungsumfang in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege, der zusätzliche private Ausgaben zur Deckung des Bedarfs notwendig macht.

Welches sind die Anfälligsten?

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  10. Schlussfolgerungen und Konsequenzen für die Politik
  11. Literaturverzeichnis

Welches sind die sozioökonomischen Merkmale derjenigen, für die die Gefahr von Verarmung und finanziellem Ruin infolge von Direktzahlungen am größten ist? Zu den Faktoren, die für hohe Anfälligkeit ausschlaggebend sein können, zählen Einkommen und Geschlecht. Die Geschlechterdimension scheint von besonderer Bedeutung zu sein: Die ältere Bevölkerung umfasst mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer. Außerdem ist bei Frauen die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie arm sind (Scheil-Adlung und Kuhl, 2011).

Wie viele Haushalte Älterer sind im höchsten und im niedrigsten Einkommensquintil von Direktzahlungen betroffen? Welcher Anteil des Haushaltseinkommens wird in diesen Haushalten für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege ausgegeben?

In den meisten europäischen Ländern in unserer Stichprobe entfällt auf Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung in Haushalten aus dem niedrigsten Einkommensquintil ein höherer Anteil des Haushaltseinkommens als in Haushalten des höchsten Einkommensquintils. Während beim höchsten Einkommensquintil die Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung in allen Ländern weniger als 1 Prozent ausmachen, müssen Haushalte im niedrigsten Einkommensquintil in Griechenland bis zu 11 Prozent bezahlen, in Belgien und Italien etwa 9 Prozent, in Spanien 8 Prozent und in Schweden und in Deutschland 2 bis 3 Prozent (Schaubild 10). Angesichts dieser Ergebnisse können wir schlussfolgern, dass Alter, Geschlecht und Einkommen die Gerechtigkeit beim Leistungszugang stark beeinflussen.

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Figure 10. Direktzahlungen für unterschiedliche Komponenten der Gesundheitsversorgung als Anteil des Einkommens von Haushalten Älterer, nach Einkommensquintil (1. Quintil = niedrigstes Einkommen; 5. Quintil = höchstes Einkommen), ausgewählte Länder, 2004

Hinweis: Die Stichprobe umfasst nur Haushalte mit mindestens einem Mitglied ab 50 Jahren, die Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung leisten; die Stichprobe umfasst weder Haushalte, die angaben, ein Einkommen von 0 zu haben und Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung zu leisten, noch Haushalte mit Direktzahlungen in Höhe von mehr als 100 Prozent des Einkommens; die Durchschnitte wurden unter Berücksichtigung des vollständigen Angabenausfalls auf der Haushaltsebene gewichtet.

Quelle: Berechnungen der Verfasser auf der Grundlage von SHARE (2004).

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Vergleicht man die Einkommensgruppen, kommt man zu dem Ergebnis, dass bei Haushalten Älterer mit höherem Einkommen die Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung gegenüber den Direktzahlungen für Langzeitpflege verbreiteter sind. Im Gegensatz dazu sind bei den Haushalten Älterer mit niedrigerem Einkommen die Direktzahlungen für Langzeitpflege verbreiteter (Scheil-Adlung und Bonan, 2012). Außerdem wirken sich die Direktzahlungen für Langzeitpflege als Anteil des Haushaltseinkommens auf das niedrigste Einkommensquintil negativer aus als beim höchsten Einkommensquintil. In Griechenland, Italien, den Niederlanden, Spanien und Schweden belaufen sich diese Anteile beim niedrigsten Einkommensquintil auf mehr als 10 Prozent des Einkommens von Haushalten Älterer. Im Gegensatz dazu liegt die Belastung des höchsten Einkommensquintils außer in Deutschland, den Niederlanden, Spanien und Schweden unter 2 Prozent (Schaubild 11).

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Figure 11. Direktzahlungen für Langzeitpflege als Anteil des Einkommens von Haushalten Älterer, nach Einkommensquintil (1. Quintil = niedrigstes Einkommen; 5. Quintil = höchstes Einkommen), ausgewählte Länder, 2004

Hinweis: Die Stichprobe umfasst Haushalte mit mindestens einem Mitglied ab 50 Jahren, die Direktzahlungen für Langzeitpflege leisten; die Stichprobe umfasst weder Haushalte, die angaben, ein Einkommen von 0 zu haben und Direktzahlungen für Langzeitpflege zu leisten, noch Haushalte mit Direktzahlungen in Höhe von mehr als 100 Prozent des Einkommens; die Durchschnitte wurden unter Berücksichtigung des vollständigen Angabenausfalls auf der Haushaltsebene gewichtet.

Quelle: Berechnungen der Verfasser auf der Grundlage von SHARE (2004).

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In der Stichprobe europäischer Länder sind mehr ältere Frauen als ältere Männer mit Direktzahlungen für Langzeitpflege konfrontiert (Scheil-Adlung und Bonan, 2012). Außerdem leisten in den meisten Ländern Frauen höhere Direktzahlungen für Langzeitpflege als Männer. In Frankreich müssen ältere Frauen bis zu 6 Prozent des Haushalts dafür aufwenden, verglichen mit 0,1 Prozent bei Männern. Beträchtliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden bei den Direktzahlungen auch in Griechenland und Italien beobachtet. Im Allgemeinen reichen die Direktzahlungen, die ältere Frauen leisten müssen, von fast 13 Prozent des Haushaltseinkommens in Spanien bis zu 2 Prozent in der Schweiz (Schaubild 12).

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Figure 12. Direktzahlungen für Langzeitpflege als Prozentsatz des Pro-Kopf-Einkommens von Haushalten Älterer, nach Geschlecht, ausgewählte Länder, 2004

Hinweis: Die Stichprobe umfasst nur Haushalte, die Direktzahlungen für Langzeitpflege leisten; die Stichprobe umfasst weder Haushalte, die angaben, ein Einkommen von 0 zu haben und Direktzahlungen für Langzeitpflege zu leisten, noch Haushalte mit Direktzahlungen in Höhe von mehr als 100 Prozent des Einkommens; die Durchschnitte wurden unter Berücksichtigung des vollständigen Angabenausfalls auf der individuellen Ebene gewichtet.

Quelle: Berechnungen der Verfasser auf der Grundlage von SHARE (2004).

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Ferner müssen doppelt so viele alleinlebende Frauen wie Männer Direktzahlungen für Langzeitpflege leisten (Scheil-Adlung und Bonan, 2012). Trotz der Bedeutung, welche der informellen Pflege durch Familienangehörige in den meisten Ländern zukommt (Europäische Kommission, 2009), ist diese Form der Unterstützung für Frauen im Allgemeinen nicht verfügbar, sodass sie stärker Gefahr laufen, höhere Direktzahlungen leisten zu müssen.

Zusammenfassung der vergleichenden Analyse

  1. Top of page
  2. Auszug
  3. Einführung
  4. Sozialschutz für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege in Europa: Zentrale Merkmale
  5. Öffentliche Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  6. Die Belastung der Älteren durch private Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  7. Wie häufig kommt es zu individuellem Ruin infolge von Direktzahlungen?
  8. Welches sind die Anfälligsten?
  9. Zusammenfassung der vergleichenden Analyse
  10. Schlussfolgerungen und Konsequenzen für die Politik
  11. Literaturverzeichnis

Die demografischen und epidemiologischen Merkmale der Bevölkerung und ihr Bedarf an Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege sind in den untersuchten Ländern recht vergleichbar. Es bestehen jedoch sowohl von Land zu Land als auch innerhalb der Länder beträchtliche Unterschiede bei der Häufigkeit und der Schwere der Auswirkungen von Direktzahlungen sowie bei der fairen Verteilung der hierdurch entstehenden finanziellen Belastung für die Älteren.

Häufigkeit von Direktzahlungen und Inanspruchnahme der Langzeitpflege

In den hier untersuchten Ländern sind die öffentlichen Ausgaben für die Langzeitpflege außerordentlich niedrig (verglichen mit den Ausgaben für die Gesundheitsversorgung), und die Leistungen konzentrieren sich auf die institutionelle Pflege, die für die meisten Pflegebedürftigen nicht die gewählte Präferenz ist; bevorzugt wird die häusliche Pflege. Die institutionelle Pflege ist auch teurer als die häusliche Pflege (Scheil-Adlung und Bonan, 2012). In allen untersuchten Ländern sind Direktzahlungen der Haushalte Älterer für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege verbreitet. Mit den verschiedenen Finanzierungsmechanismen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege (Finanzierung aus Steuern oder Beiträgen) lassen sich die Unterschiede zwischen den Ländern nicht erklären.

Schwere der Auswirkungen

Die Älteren – die in europäischen Ländern häufig ein niedriges Einkommen haben – müssen Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung leisten, die zwischen 1 und 5 Prozent ihres Einkommens verschlingen, vor allem für Arzneimittel und ambulante Versorgung. Im Vergleich dazu belaufen sich die Direktzahlungen für Langzeitpflege auf mindestens etwa 5 Prozent des Einkommens der Haushalte Älterer. Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege schmälern also in allen untersuchten Ländern das Nettoeinkommen von Haushalten Älterer beträchtlich und verringern es um einen bedeutsamen Prozentsatz. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass Ältere, die Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung leisten müssen, auch Direktzahlungen für Langzeitpflege auf sich nehmen müssen.

Zu finanziellem Ruin infolge exzessiver Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege in Höhe von mehr als 100 Prozent des Einkommens kommt es in allen Ländern; betroffen hiervon sind bis zu 2 Prozent der älteren Bevölkerung.

In allen Ländern ist für Frauen – und insbesondere für alleinlebende ab 80-Jährige – die Gefahr am höchsten, dass sie Direktzahlungen für Langzeitpflege leisten müssen.

Der Aspekt der Gerechtigkeit bei der Lastverteilung

Angesichts des Umstands, dass Lücken beim finanziellen Schutz für ärmere Haushalte wesentlich schwerere Auswirkungen haben als für reichere, führen Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege zu beträchtlichen Ungleichheiten unter der älteren Bevölkerung.

  • Wenngleich bei wohlhabenderen Haushalten von Älteren die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass sie Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung leisten müssen, übersteigt der aufgewendete Betrag nicht einen substanziellen Anteil des Haushaltseinkommens. Im Gegensatz dazu ist bei ärmeren Haushalten Älterer die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung leisten müssen; die Auswirkungen auf das Haushaltseinkommen sind dann jedoch gravierender.
  • Bei Haushalten ärmerer Älterer sind Direktzahlungen für Langzeitpflege verbreiteter als Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung. Die daraus folgenden Auswirkungen auf das Haushaltseinkommen sind für die Haushalte ärmerer Älterer wesentlich größer als für die Haushalte wohlhabenderer Älterer.

Schlussfolgerungen und Konsequenzen für die Politik

  1. Top of page
  2. Auszug
  3. Einführung
  4. Sozialschutz für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege in Europa: Zentrale Merkmale
  5. Öffentliche Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  6. Die Belastung der Älteren durch private Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  7. Wie häufig kommt es zu individuellem Ruin infolge von Direktzahlungen?
  8. Welches sind die Anfälligsten?
  9. Zusammenfassung der vergleichenden Analyse
  10. Schlussfolgerungen und Konsequenzen für die Politik
  11. Literaturverzeichnis

Die Ursachen, welche die obigen Ergebnisse erklären, hängen mit beträchtlichen Defiziten der nationalen Sozialschutzsysteme für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege zusammen. Wenngleich angemessener Sozialschutz in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege ein Menschenrecht ist und entsprechende Übereinkommen und Rechtsvorschriften bestehen, werden solche Systeme nicht auf eine Art durchgeführt, dass sie in europäischen Ländern allen älteren Menschen ausreichende Deckung bieten. Die Defizite der europäischen Sozialschutzsysteme in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege, die gebrechlichen Älteren Deckung bieten, verursachen häufig hohe Direktzahlungen für die Ärmsten, Ungleichheiten beim Zugang zu benötigten Leistungen und für manche der Anfälligsten finanziellen Ruin.

Vor diesem Hintergrund und mit dem Ziel, Älteren einen gerechten Zugang zu verfügbaren und erschwinglichen Leistungen zu verschaffen, sollten Interventionen der Politik dringend auf Reformen der Sozialschutzsysteme in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege ausgerichtet werden. Erforderlich sind:

  • ausreichende öffentliche Mittel für Sozialschutzsysteme, damit Direktzahlungen minimiert werden können;
  • Ausweitung der Deckung und des effektiven Zugangs zu Leistungen durch Anpassung und Umsetzung von Rechtsvorschriften;
  • Erhöhung der Zahl der Personen, die Leistungen in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege erbringen;
  • Zusammenlegung von Sozial- und Gesundheitsleistungen, um die Absicherung besser an den Bedarf der Bevölkerung anzupassen; und
  • verbesserte Überwachung der Auswirkungen, wobei auch die Geschlechterfrage einbezogen werden sollte.

Im Einzelnen sollte sich die Aufmerksamkeit auf vier zentrale Bereiche konzentrieren.

Leistungen erschwinglich machen, indem Lücken beim finanziellen Schutz geschlossen und Direktzahlungen minimiert werden

Direktzahlungen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege einzusetzen, ist in Europa eine gängige Finanzierungspraxis, auf die jedoch bei der Verwirklichung des allgemeinen und gerechten Leistungszugangs so weit wie möglich verzichtet werden sollte. Um die Direktzahlungen auf ein akzeptables Niveau zu verringern, könnte der finanzielle Schutz durch Sozialschutzsysteme erweitert, der Leistungsumfang in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege vergrößert und die Bezugsberechtigungs- und Beurteilungskriterien im Zusammenhang mit der Fähigkeit zur Bewältigung von Alltagsverrichtungen gelockert werden. Ganz besonders wichtig ist es, Personen Schutz zu bieten, denen katastrophal hohe Ausgaben und finanzieller Ruin drohen.

Leistungen verfügbar machen

Eine Priorität muss sein, die Lücken in der Verfügbarkeit sowohl formeller als auch informeller Leistungen zu schließen. Dies heißt auch, dass ausreichende Mittel für den Bedarf der Älteren an Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege bereitgestellt werden müssen. Der aktuelle Personalmangel im Pflegebereich, der die Belastung der Älteren und ihrer Familien verschärft, muss behoben werden. Bei den konkreten Maßnahmen sollten regionale Unterschiede, insbesondere zwischen ländlichen und städtischen Gebieten, sowie der steigende Bedarf aufgrund demografischer Veränderungen berücksichtigt werden. Zu den hier sinnvollen Optionen zählt die Ausrichtung der finanziellen und personellen Ressourcen für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege auf den Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung. Um die Leistungslücken zu schließen und die Leistungsqualität zu verbessern, könnten Gesundheits- und Sozialleistungen gekoppelt werden.

Für mehr Gerechtigkeit bei der Finanzierung und beim Leistungszugang sorgen

Der Umstand, dass Direktzahlungen geleistet werden müssen, behindert den Zugang zu Leistungen in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege beträchtlich und hat negative Auswirkungen auf das Einkommen. Solche Ausgaben sind eine schwerwiegende Belastung für Haushalte mit niedrigerem Einkommen und insbesondere für Frauen und die Ältesten. Um diesen Effekten entgegenzuwirken, könnten die folgenden Maßnahmen ergriffen werden: Wenn in den Sozialschutzsystemen Zuzahlungen, Nutzergebühren und andere Formen von Direktzahlungen wirklich als Finanzierungsmechanismus beibehalten werden sollen, sollten sie an das Einkommen geknüpft werden, und es könnten Obergrenzen für diese Zahlungen eingeführt werden (beispielsweise um die Kosten für die Anfälligsten – das heißt die Frauen ab 80 Jahren – zu begrenzen). Dies scheint insbesondere im Bereich der Langzeitpflege von Bedeutung zu sein.

Den sozioökonomischen Kontext verbessern

Die Probleme bei der Erschwinglichkeit von Leistungen sollten umfassend angegangen werden. Zu diesen Problemen zählt insbesondere die Anfälligkeit aufgrund niedrigen Haushaltseinkommens. Der Zugang könnte erschwinglicher gemacht werden, indem das Niveau der Grundversorgung angehoben wird und der Zugang zu unentbehrlichen Sozialleistungen als Teil eines breit angelegten „nationalen sozialen Basisschutzniveaus“ gewährleistet wird. Ein solcher Ansatz sollte darauf abzielen, die Leistungsbilanz des Sozialschutzsystems insgesamt zu verbessern, und zwar sowohl im Hinblick auf die Gerechtigkeit als auch in Bezug auf Effizienz und Wirksamkeit bei der Zielverfolgung. Um die Anfälligsten besser zu schützen, braucht es Programme zur Unterstützung älterer Menschen und Einkommenshilfen. Zu den Möglichkeiten zählen i) die Einführung eines garantierten Mindesteinkommens, das dazu beitragen würde, Schutz vor finanziellem Ruin zu bieten, und ii) ein wirksamer Zugang zu benötigten Gesundheits- und Sozialleistungen.

Footnotes
  1. 1

    Dieser Artikel basiert weitgehend auf einer umfassenderen Untersuchung von Scheil-Adlung und Bonan (2012).

  2. 2

    SHARE Ausgabe 2.3.0, 13. November 2009. Die Datenerhebung für SHARE im Zeitraum von 2004 bis 2007 wurde in erster Linie von der Europäischen Kommission über ihr 5. und 6. Rahmenprogramm finanziert (Projekte QLK6-CT-2001-00360; RII-CT-2006-062193; CIT5-CT-2005-028857). Weitere Finanzmittel steuerten das National Institute on Aging der Vereinigten Staaten (Fördernummern U01 AG09740-13S2; P01 AG005842; P01 AG08291; P30 AG12815; Y1-AG-4553-01; OGHA 04-064; R21 AG025169) und verschiedene nationale Stellen bei <http://www.share-project.org>.

  3. 3

    Eine ausführlichere Beschreibung der Erhebung, der Methoden, der Stichprobe und der Gewichtung enthält Klevmarken, Swensson und Hesselius (2005).

  4. 4

    Die EU-15-Mitgliedstaaten sind: Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien und das Vereinigte Königreich.

  5. 5

    Das Haushaltseinkommen ist definiert als das jährliche Haushaltsbruttoeinkommen, das heißt die Summe der individuellen Werte des Einkommens aus Arbeit, Renten (alle Arten), Pflegeversicherung und Zinseinkünften (alle Arten von Anlagen) von allen Haushaltsmitgliedern. Nicht zum Einkommen gehören private Transfers beispielsweise von Familienmitgliedern, Ersparnisse oder Vermögen. Alle Nominalbeträge wurden in Euro umgerechnet.

  6. 6

    Wir definieren Direktzahlungen für Gesundheitsleistungen als die Summe der Kosten von stationärer und ambulanter Versorgung sowie verschriebenen Arzneimitteln, die unmittelbar von den Patienten getragen und nicht von sozialen Krankenversicherungssystemen übernommen werden. Direktzahlungen für Langzeitpflege sind die Summe der Ausgaben für Heimpflege, Tagespflege und häusliche Pflege, die nicht von Sozialschutzsystemen übernommen werden.

  7. 7

    Die Stichprobe enthält keine Haushalte, die infolge von Direktzahlungen finanziellen Ruin (definiert als Direktzahlungen in Höhe von mehr als 100 Prozent des Einkommens) erlitten haben, sodass die Durchschnittswerte zu niedrig ausfallen können. Auf diese Untergruppe der Bevölkerung wird im nächsten Abschnitt dieses Artikels eingegangen.

Literaturverzeichnis

  1. Top of page
  2. Auszug
  3. Einführung
  4. Sozialschutz für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege in Europa: Zentrale Merkmale
  5. Öffentliche Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  6. Die Belastung der Älteren durch private Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege
  7. Wie häufig kommt es zu individuellem Ruin infolge von Direktzahlungen?
  8. Welches sind die Anfälligsten?
  9. Zusammenfassung der vergleichenden Analyse
  10. Schlussfolgerungen und Konsequenzen für die Politik
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