Versuche an Wellensittichen zur Frage des “Zähl”-Vermögens1

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    D 10

Zusammenfassung

1. Das Grundvermögen, zwei nebeneinander gebotene Gruppen allein nach der Anzahl anschaulich zu unterscheiden, teilt mit dem Menschen und der Taube auch der Wellensittich (Tab. 58). Beim Erlernen bestimmter Gruppenpaare kam er ohne Figurenhilfe aus, wo die Taube nur über diese als Zwischenstufe zum Erfolg geführt werden konnte. Die obere Grenze dieses Vermögens habe ich nicht geprüft.

2. Wie für die Tauben liegt auch für Wellensittiche die obere Grenze des zweiten Grundvermögens, auf x zu handeln, bei x = 6 (Tab. 55. Abb. 9). Zwischen Erstdressur und solcher in aufsteigender Aufgabenreihe bestehen keine grundsätzlichen Unterschiede. Mit zunehmender Körnerzahl steigen die Schwierigkeiten. Bei 6 erlaubten Körnern war das Positivergebnis statistisch noch voll gesichert, bei 7 versagte der Vogel vollkommen.

3. Mehrere Doppelaufgaben und eine Dreifachaufgabe (Tab. 57) wurden sicher erlernt, d. h. die Vögel lernten, durcheinander und je nach Aufgaben-anweiser auf x, y oder z erlaubte Körner zu handeln, also gleichzeitig 2, ja 3 Handelnsbeschränkungen verfügbar zu halten und jede mit einem anderen Anweiser zu verknüpfen. Als Anweiser waren in Reihenfolge steigender Schwierigkeit brauchbar: Farben der Körnerplatte, Geräusche, menschliche Sprachwörter, Formen aus weißen Punkten verschiedener Anzahl auf schwarzem Grunde.

4. Während einer erfolgreichen Dressur auf 6 erlaubte Körner nahm der Sittich mehrfach, unmittelbar nach einmaligem vorzeitigen Scheuchen, im Folgeversuch von einer noch relativ ungewohnten Platte Dur ebenso wenige Körner, wie er beim vorzeitigen Scheuchen erhalten hatte.(Tab. 48). Dennoch wäre der Schluß auf ein “Mitzählen” des Vogels, genauer gesagt, auf qualitative Verschiedenwertigkeit der Eeihenglieder der Handelnsvorsätze, verfrüht. Es genügt, eine fallende positive Gefühlstönung der Eeihenglieder anzunehmen, deren Grad mit hinreichender Abgrenzung nach einmaliger Passivbegrenzung behalten werden kann. Eine derartige Mindestannahme allerdings scheint unerläßlich.

5. Primärvalenzen von Futtermengen, Anweisermarken, Grundfarben usw. und entsprechende durch Dressur hervorgerufene Sekundärvalenzen haben große Bedeutung für den Lernvorgang. Auf ihrer aufgabegerechten Abstimmung gegen Freßlust und Scheuchangst beruht ein guter Teil der Lernerfolge. Doch macht diese Deutung die Annahme der beiden unter 1. und 2. erwähnten Grundvermögen und ihrer Grenzen keineswegs entbehrlich.

6. Von echtem Zählen im menschlichen Sinne ist keine Rede. Der Vogel lernt lediglich “unbenannte Anzahlen” handelnd oder anschaulich vergleichend zu erfassen. Die Übersetzung einer gesehenen Anzahl in eine Anzahl eigener Handlungen ist noch nicht geglückt.

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