Beiträge zur Ethologie des Hausmeerschweinchens Cavia aperea f. porcellus (L.)

Authors

  • Peter,

  • Irene Kunkel


Abstract

Zusammenfassung

Es werden Beobachtungen an Meerschweinchen mitgeteilt, die vor allem in verschieden großen Rudeln und vergleichsweise in Käfigen oder handaufgezogen über mehrere Jahre beobachtet wurden.

Das Meerschweinchen bewegt sich auf den Zehen fort, steht aber stets auf der ganzen Sohle. Zahlreiche Verhaltensweisen des Individualverhaltens kennzeichnen es als ausgesprochenen “Vierfüßler”, der seine Vorderextremität fast gar nicht handartig benutzt, im starken Gegensatz zu den übrigen Nagern.

Meerschweinchen sind keine Distanztiere, treiben aber auch keine soziale Hautpflege. Hauptkontaktmittel ist die Stimme. Sie verfügen über eine ganze Reihe von Kampf- und Drohgesten, darunter das Vorweisen der vorübergehend ausgetretenen Hoden. Treteln drückt Unterlegenheit aus. Es gibt keine Komment-, sondern nur echte Beschädigungskämpfe.

Wie Lagomorphe und andere Caviomorphe spritzt Cavia unter verschiedenen Umständen mit Harn nach Artgenossen, als Ausdruck schwacher oder gehemmter Aggressivität bei zugleich völlig fehlender Fluchtbereitschaft.

Das Meerschweinchen markiert durch Reiben der Suprakaudaldrüse und der Genitalregion am Boden. Bei hoher Erregung scharrt und markiert es abwechselnd.

Bei der Balz umkreist das ♂ das ♀ purrend in langsamer Bewegung und läßt dabei kurzfristig die Hoden austreten. Die Paarungen sind nur wenige und kurz. Während die ranghohen ♂♂ nur brünstige ♀♀ besteigen, sind jüngere ♂♂ weniger wählerisch.

♂♂ bilden untereinander eine Rangordnung, ♀♀ weniger deutlich ebenso. ♂♂ haben gegenüber ♀♀ eine Beißhemmung. Junge ♂♂ werden bei der ersten Brunst eines ♀, an der sie aktiv Anteil nehmen, infolge ihrer sexuellen Aktivität in die Rangkämpfe einbezogen.

Die Jungenpflege ist nicht sehr ausgeprägt. ♀♀ lehnen fremde Junge ab oder behandeln sie wie eigene. In großen Rudeln werden die Jungen ohne Unterschied von allen säugenden ♀♀ gepflegt.

♂♂ sind anfangs zurückhaltend gegen die Jungen; dann balzen sie sie bis zur Geschlechtsreife an, machen aber nie Kopulationsversuche. Gegenüber jungen ♂♂ schlägt die Balz plötzlich in schwache Aggressivität um.

Meerschweinchen sind extreme Nestflüchter und zeigen schon am Tage ihrer Geburt weitgehend ausgereiftes Individualverhalten. Sie treiben keine Kampf-, sondern nur Hüpfspiele mit aufforderndem Anstoßen. Kampf- und Geschlechtsverhalten reifen zusammen um den 30. Lebenstag.

Handaufgezogene isolierte ♂♂ behalten kindliches Verhalten bis weit in die volle Geschlechtsreife bei und zeigen abnormes Sozialverhalten gegen andere Meerschweinchen und Artfremde.

Summary

This paper presents observations on guinea pigs kept in groups of various sizes in laboratory rooms; for comparison, individuals were kept in cages or reared by hand.

The guinea pig moves about on its toes, but always rests on the whole sole when standing still. The form of numerous behaviour patterns of feeding, grooming, resting, and digging mark it as a distinctively “quadrupedal” animal; in contrast to other rodents, the forepaws are scarcely used as “hands” at all.

Guinea pigs do not maintain an individual distance, but on the other hand also show no social grooming. The voice is the main means of contact among individuals. They show a number of different fighting and threatening gestures, among which the brief showing of the extruded testicles is noteworthy. Swaying (“Treteln”) expresses inferiority. Fighting is unritualized and damaging.

Like the Lagomorpha and other Caviomorpha, Cavia sprays conspecifics with urine, an expression of weak or blocked aggressivity in which an escape tendency is entirely lacking.

The guinea pig marks by rubbing the supracaudal glands and the genital region on the ground. When very excited, it digs and marks alternately.

In courtship the male slowly circles purring around the female, protruding the testes intermittently. Copulations are few and brief. High-ranking males mount only females in heat, but the younger males are less selective.

A rank order is formed among the males, and less clearly among the females too. Males are inhibited from biting females. Young males become involved in rank-order fights as a result of their sexual activity, during the first heat of a female in which they actively participate.

Care of the young is not very pronounced. Females reject strange young, or treat them as their own. In large groups the young are mothered indiscriminately by all lactating females.

At first the males are reserved toward the young; later they court them until they mature sexually, but never try to copulate with them. Courtship toward the young males turns suddenly into mild aggressivity.

Guinea pigs are extremely precocious at birth and many behaviour patterns (locomotion, feeding, and some comfort movements) are essentially fully mature on the first day of postnatal life. There is no play fighting, but only jumping games with butting as invitation. Fighting and sexual behaviour mature together about the 30th day of life.

Handreared isolated males retain infantile behaviour far beyond full sexual maturity and show abnormal social responses to other guinea pigs and to other species.

Ancillary