Muslime in der Schweiz

Authors


Muslime in der Schweiz Allenbach, Birgit und MartinSökefeld ( Hrsg .) Zürich : Seismo ( 2010 ), 396 S ., ISBN 978-3-03777-090-0

Trotz der öffentlichen Islam-Debatte, die bereits vor der Annahme der Minarettverbotsinitiative begonnen hatte, gibt es bis heute wenig wissenschaftliche Erkenntnisse über Muslime in der Schweiz. Vorhandene Literatur diskutiert zwar verschiedene Aspekte der Minarettverbotsinitiative (Tanner et al. 2010), rechtliche Fragen wie eine mögliche öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islams (Hafner und Gremmelspacher 2005, Nay 2002), sowie die Rahmenbedingungen für den Bau von religiösen Gebäuden (Pahud de Mortanges und Zufferey 2007). Die Schweiz steht in dieser vorhandenen Literatur aber stets als handelnder Akteur im Mittelpunkt, dessen Umgang mit Muslimen untersucht wird. Wer diese Muslime eigentlich sind und wie sie ihr Leben in der Schweiz gestalten und bewerten ist bisher kaum wissenschaftlich untersucht worden.

Der 2010 von Birgit Allenbach und Martin Sökelfeld herausgegebene Sammelband “Muslime in der Schweiz” leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Schliessung dieser Forschungslücke. Er ist ein Produkt des Nationalen Forschungsprogramms Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft (NFP 58) und hat zum Ziel, ein differenziertes und umfangreiches Bild von Muslimen in der Schweiz zu zeichnen. Dies soll insbesondere durch die interdisziplinäre Anlage und verschiedene Perspektiven gelingen. Religions- und Islamwissenschaftler haben ebenso Beiträge geliefert, wie Sozialantropologen, Ethnologen und Juristen. Neben der Betrachtung des politischen und institutionellen Umgangs mit Muslimen, der auch in diesem Band in einem ersten Teil Beachtung findet, wird im zweiten Teil der Fokus erstmals auch auf die Muslime selbst gerichtet. Ein dritter, kürzerer Teil des Buches bietet zudem Erfahrungen aus der kantonalen Praxis im Gestalten des Verhältnisses zwischen Staat und Muslimen. Alle drei Teile zusammen bieten dem Leser einen umfangreichen Einblick in die Situation der Muslime in der Schweiz.

Drei inhaltliche Schwerpunkte hat sich der Sammelband gesetzt, die sich jeweils durch verschiedene Beiträge ziehen. Zum ersten ist es den Herausgebern ein Anliegen, den Islam als heterogene Religion mit vielen unterschiedlichen Strömungen darzustellen. Es gibt nicht den Islam, sondern eine Vielzahl von muslimischen Gemeinschaften. Diese Heterogenität trifft auch auf die in der Schweiz lebenden Muslime zu, die aus vielen verschiedenen Ländern stammen und dementsprechend unterschiedlichen Strömungen des Islams angehören. Die Mehrheit der Beiträge des Bandes spiegeln diese Heterogenität des Islams und die unterschiedlichen Identitäten der einzelnen Muslime wider. Der erste Beitrag des Bandes, der den Islam als öffentliches Thema in der Schweiz diskutiert, kritisiert dementsprechend die Überbetonung der Religion als individuelles Merkmal im öffentlichen Diskurs und die Entgegensetzung eines “Islam an sich” (S. 51) und der Schweizer Mehrheitsgesellschaft.

Die zweite zentrale Botschaft besteht in der Verwendung des Begriffs Inkorporation statt Integration. Integration ist nach Auffassung der Herausgeber und einiger Autoren ein normativ aufgeladener Begriff, der stets auf die mangelnde Integration derer hinweise, die sich integrieren sollen. Inkorporation betone hingegen eher die Wechselseitigkeit von Inkorporationsbemühungen der zu Integrierenden und den Inkorporationsbedingungen der integrierenden Gesellschaft. Zwei Beiträge setzen sich explizit mit diesen Inkorporationsregimen auseinander und betrachten ihre Auswirkung auf den Umgang mit religiösen Bauten und auf die Anerkennung von Religionsgemeinschaften. Die Schweiz wird dem Typ des liberalen Inkorporationsregimes zugeordnet, das auf “das Individuum und sein Handeln” (S. 95) fokussiere. Somit sei an sich eine privatrechtliche Organisation von Religionsgemeinschaften folgerichtig. Der Beitrag zu den Aleviten in Basel-Stadt stellt dann aber heraus, dass die Aussicht auf eine kantonale Anerkennung die basler Alevitengemeinde zu einer verstärkten Öffentlichkeitsarbeit und einem interreligiösen Dialog motiviert habe. Insgesamt bleiben die durchaus interessanten Beobachtungen der beiden Beiträge leider etwas zu sehr in den Spezialfällen der Aleviten und der Ahmadiyya Gemeinde und zeigen kaum einen generellen Zusammenhang zwischen den Inkorporationsregimen und dem Ablauf von Konflikten um religiöse Bauten oder Anerkennung auf. In beiden Fällen war aber offenbar die individuelle Strategie der Öffnung nach Aussen entscheidend für ein kooperatives Aushandeln der angestrebten Rechte der Religionsgemeinschaften.

Der dritte Schwerpunkt des Buches behandelt die Interaktion der Kategorie Muslim mit Gender- und Generationsdiskursen. Das Klischee der unterdrückten Frau im Islam wird in mehreren Artikeln diskutiert und insbesondere aus Sicht muslimischer Frauen selbst betrachtet. Die Herausgeber betonen in der Einleitung bereits, dass es sich bei der “patriarchalen Gesellschaftsstruktur” (S. 21) um eine Gemeinsamkeit aller monotheistischen Religionen handle, die keinesfalls spezifisch für den Islam sei. Ein Beitrag stellt anhand von Interviews mit 26 Musliminnen eindrucksvoll dar, wie die Frauen sich im täglichen Leben mit den Pauschalannahmen der Mitmenschen auseinandersetzen. Die Einordnung als abhängige und vom Ehemann unterdrückte Frau stellt einen zentralen Aspekt dieser Auseinandersetzung dar. Neben den Genderdiskursen werden auch die Herausforderungen für muslimische Jugendliche diskutiert. Gruppeninterviews mit muslimischen, jungen Männern illustrieren, wie diese sich bemühen, ihre Religion mit dem Leben in der Schweiz zu vereinbaren. Gebete holen sie beispielsweise am Abend nach, um Konflikte mit dem Arbeitgeber zu vermeiden. Bedauerlicher Weise wurden in den im Buch dargestellten zwei Gruppeninterviews nur Moscheegänger einbezogen. So ist leider kein Vergleich zwischen religiösen und weniger religiösen jungen Männern möglich. Ein weiterer Beitrag beschäftigt sich mit der Sicht von Jugendlichen auf Religion, befragt aber Angehörige sämtlicher Glaubensrichtungen. Fokusgruppeninterviews in Schulen zeigen hier auf, dass das Wissen über den Islam auch unter den Jugendlichen, die in der Schule mit anderen Religionen in Kontakt treten, eher gering ist. In der Regel wird angenommen, dass der Islam strenge Regeln aufstelle, während Angehörige anderer Glaubensrichtungen “alles machen dürfen” (S. 319). Die Beiträge zu Muslimen in Schweizer Gefängnissen und dem wohltätigen Engagement von Muslimen stehen zwischen der akteurs- und der kontextzentrierten Herangehensweise. Muslimische Gefangene berichten von ihrer Rolle als Organisatoren des Freitagsgebets; eine Betrachtung des Spendenverhaltens von Muslimen zeigt die Bedeutung der Wohltätigkeit für den muslimischen Glauben auf. Interessant für sich genommen, nehmen diese Beiträge am wenigstens einen der drei durchlaufenden Schwerpunkte auf.

Aus Sicht der Politikwissenschaft sind neben diesen Schwerpunkten vor allem die Beiträge aus der Praxis von Interesse. In Basel wurden Konflikte um die öffentlich-rechtliche Anerkennung von Muslimen, gesonderte Grabfelder, Schulschwimmen und Kopftuchverbote offenbar auf einem grösstenteils friedlichen Weg gelöst. Dennoch berichtet die Koordinatorin für Religionsfragen von beleidigenden E-Mails in lokalen Konflikten um muslimische Grabfelder, sowie von Jugendlichen, die die Forderung der Integration als einseitigen Assimilationszwang verstehen. Das 2006 in Kraft getretene Basler Integrationsgesetz beschreibt Integration jedoch explizit als “gegenseitigen Prozess, welcher sowohl die Einheimischen wie die Migrationsbevölkerung einschliesst” (S. 369). Der juristische Beitrag geht schliesslich nochmals auf die bereits diskutierten, rechtlichen Rahmenbedingen in der Schweiz ein. Verständlich werden hier die verschiedenen Möglichkeiten der Anerkennung muslimischer Glaubensgemeinschaften dargestellt und herausgearbeitet, dass eine öffentlich-rechtliche Anerkennung und private Vereine je nach Kontext gleichermassen eine Tür für Muslime öffnen können.

Die Stärke des Bandes liegt zweifelsohne in der Fülle an individuellen Einblicken in das Selbstverständnis von in der Schweiz lebenden Muslimen. Die Herausgeber haben allerdings darauf verzichtet, dem Leser ein Fazit an die Hand zu geben. So bleiben die Beiträge einzeln für sich stehen, ohne dass gemeinsame Befunde herausgearbeitet wurden. Aus politikwissenschaftlicher Perspektive vermisst man an der einen oder anderen Stelle ein Anknüpfen an bestehende Literatur sowie generalisierende Erkenntnisse zur Gestaltung des Verhältnisses zwischen Muslimen und der Schweizer Gesellschaft. Die Aufrufe zu einer differenzierteren Debatte und zu der Anerkennung des “irreversiblen Faktums (…), dass Islam und Muslime infolge der Einwanderung zu einem integralen Bestandteil westlicher Gesellschaften geworden sind” (S. 64) verhallen jedoch nicht. Somit stellt Allenbach und Sökelfelds Sammelband sicher nicht den End-, sondern den Anfangspunkt einer dringend benötigten Forschung über den Islam in der Schweiz dar.

Ancillary