Der Gender Gap in Schweizer Stadtparlamenten

Differenzen zwischen den weiblichen und männlichen Stadtparlamentsmitgliedern hinsichtlich ihrer politischen Rekrutierung und ihren politischen Karrieremustern

Authors


Abstract

Zusammenfassung: In der wissenschaftlichen Forschung zur politischen Repräsentation von Frauen in der Schweiz blieb die lokale Ebene bisher weitgehend ausgeklammert. Da die Karrieren der Schweizer Politikerinnen und Politiker ihren Anfang aber in den meisten Fällen auf tiefen staatlichen Ebenen nehmen und der Frauenanteil nach oben hin sinkt, verspricht eine eingehende Beschäftigung mit der Lokalpolitik Erkenntnisse zur politischen Repräsentation von Frauen, die über den lokalen Kontext hinausreichen. Der vorliegende Beitrag analysiert die Ursachen des Gender Gaps in den Schweizer Stadtparlamenten und stützt sich dabei auf eine flächendeckende Erhebung der städtischen Parlamentsmitglieder aus dem Jahre 2008. Die durchgeführten statistischen Analysen zeigen, dass neben strukturellen, städtischen Rahmenbedingungen der politische Rekrutierungsprozess einen signifikanten Einfluss auf die politische Vertretung von Frauen ausübt. Zudem sind bei den weiblichen Parlamentsmitgliedern häufiger externe Faktoren für einen geplanten vorzeitigen Rücktritt aus der Politik verantwortlich, was den sinkenden Frauenanteil auf höheren Staatsebenen teilweise erklären könnte. Insbesondere die häufigere Mitgliedschaft der Stadtparlamentarierinnen in rein lokalen Wählergruppen scheint ihre Aufstiegschancen auf der politischen Karriereleiter zu senken.

Politische Repräsentation – der Gender Gap in lokalen Parlamenten1

Der theoretische Diskurs zum Konzept der politischen Repräsentation ist in der politikwissenschaftlichen Disziplin etabliert und hat eine grosse Fülle an Literatur hervorgebracht. Wissenschaftliche Forschung zur politischen Repräsentation von Frauen ist dem breiten Feld der Gender Studies2 zuzurechnen und beschäftigt sich mit Fragen zur Untervertretung von Frauen in politischen Ämtern sowie mit den Auswirkungen einer stärkeren oder schwächeren weiblichen Präsenz in der Politik auf demokratische Prozesse und auf die Wahrnehmung der Wählerinnen und Wähler (vgl. Krook 2010: 233). Vergleichende Studien zur politischen Teilhabe von Frauen stützen sich dabei hauptsächlich auf Ländervergleiche und richten ihren Fokus auf die deskriptive Repräsentation (ebd.: 234).3 So zeigt die aktuelle Forschung auf, dass insbesondere die Ausgestaltung des Wahlsystems ein zentraler Faktor für den Frauenanteil in politischen Ämtern darstellt (s. z.B. Norris 2004). Proporzwahlsysteme begünstigen die Nomination und Wahl von Frauen und sind zudem häufiger assoziiert mit der Einführung von frauenbezogenen Quotenregelungen.

Innerhalb des schweizerischen Kontextes sind seit den 1980er Jahren ebenfalls verschiedene Publikationen zur politischen Repräsentation von Frauen entstanden (s. z.B. Ballmer-Cao/Wenger 1989; Hähni 2006; Parini/Roiron 2008; Stämpfli 1994) – diese Beiträge beschäftigen sich aber überwiegend mit der nationalen und der kantonalen Ebene. Die unterste Staatsebene bleibt in den politikwissenschaftlichen Studien stets ausgeklammert, obwohl eine eingehende Betrachtung der lokalen Politikerinnen und Politiker äusserst viel versprechend wäre – insbesondere in einem föderalen Staat wie der Schweiz. Pilotti et al. (2010) haben nämlich gezeigt, dass die von Gruner (1966) eingeführte Idee des cursus honorum der Schweizer Parlamentsmitglieder nichts an Aktualität eingebüsst hat. Dieses Konzept bezeichnet die verschiedenen, aufeinander folgenden Etappen einer politischen Karriere. Die Politikerinnen und Politiker arbeiten sich in einer so genannten “Ochsentour” nach oben, wobei sie sich erst nach der Ausübung eines politischen Amts auf kommunaler und anschliessend auf kantonaler Ebene zur Wahl in die Bundesversammlung stellen. Gemäss Pilotti et al. (2010: 232) haben im Jahr 2000 45% der nationalen Parlamentsmitglieder einen cursus honorum absolviert – seit 1910 hat sich dieser Anteil nur um wenige Prozentpunkte verringert. Der Anteil der Parlamentsmitglieder, die vorher entweder ein Mandat auf kommunaler oder auf kantonaler Ebene inne hatten, beläuft sich im Jahr 2000 auf 87.1% (ebd.: 234). Im internationalen Vergleich sind diese Zahlen ausserordentlich hoch, was für die Wichtigkeit einer starken lokalen Verankerung der Mitglieder der Schweizer Bundesversammlung spricht. Um Fragen der politischen Repräsentation in der Schweiz zu untersuchen, würde sich also eine Beschäftigung mit der lokalen Ebene geradezu anbieten. Es ist anzunehmen, dass in den Städten und Gemeinden wichtige Einflussfaktoren bestehen, die politische Karrieren begünstigen oder behindern können. Da ein Mandat auf kommunaler Ebene oftmals die Basis für eine politische Laufbahn bildet (SSV 2007: 105), scheint eine vertieftere Auseinandersetzung mit den lokalen Parlamentsmitgliedern unabdingbar. Diese Zielsetzung verfolgt der vorliegende Artikel.

Seit der Annahme des Stimm- und Wahlrechts für Frauen auf nationaler Ebene im Jahr 1971 ist der Frauenanteil in den Legislativorganen kontinuierlich angestiegen. Ende 2009 beträgt die durchschnittliche Frauenvertretung in den städtischen Parlamenten 32.2% und liegt damit über dem Wert in kantonalen Parlamenten (25%), im National- sowie im Ständerat (28.5% bzw. 21.7%) (SSV 2010: 105). Trotz der klar steigenden Tendenz sind die Frauen gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil immer noch unterrepräsentiert. Ob diese Tatsache als problematisch für die schweizerische Demokratie erachtet wird, hängt vom Verständnis des Konzepts der Repräsentation ab. Nach Hanna Pitkin (1967) ist politische Repräsentation “the activity of making citizens’ voices, opinions, and perspectives present in the public policy making processes”. Dabei kann Repräsentation auf unterschiedliche Weise legitimiert sein: formalistisch über demokratische Prozesse, symbolisch durch den Grad an Akzeptanz in der Bevölkerung, deskriptiv durch genaue Abbildung der Repräsentierten sowie substanziell über policy outcomes. Feministische Theorien orientieren sich meistens am Konzept der deskriptiven Repräsentation und gehen davon aus, dass die Präsenz weiblicher Mandatsträgerinnen für die Artikulation weiblicher Interessen unerlässlich ist. Deskriptive Repräsentation wird als notwendige, jedoch nicht hinreichende Bedingung zur Erlangung von substanzieller Repräsentation erachtet (s. Lovenduski 2005; Phillips 1995, 1999). Die meisten normativen Theoretiker weisen diese Verbindung aber zurück und argumentieren, dass Ähnlichkeit mit den Repräsentierten noch nichts über das Verhalten der Repräsentanten aussagt (s. z.B. Kymlicka 1995; Young 1997). In der Tat zeigt die aktuelle Genderforschung, dass es keine “kritische Masse”4 gibt – eine reine Erhöhung des Frauenanteils schlägt sich nicht automatisch in entsprechenden policies nieder (vgl. Celis et al. 2008: 102). Trotzdem gibt es gewichtige Argumente dafür, dass Frauen und Männer in ähnlichem Umfang in Legislativorganen vertreten sein sollten. Phillips (1995: 53–55) geht davon aus, dass Frauen ihre Geschlechtsgenossinnen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit substanziell vertreten als Männer. Obwohl Frauen eine überaus heterogene Gruppe darstellen, teilen sie nämlich gewisse gemeinsame Erfahrungen (ebd.: 52–56). Diese Erfahrungen erzeugen zwar nicht notwendigerweise gemeinsame Überzeugungen und Interessen. Der Anspruch auf eine verhältnismässige Repräsentation legitimiert sich aber bereits dadurch, dass der bestehende Ausschluss von Frauen hinterfragt und das Einbringen unterschiedlicher Fragen und Anliegen ermöglicht werden (ebd.: 55). Nach Mansbridge (1999) ist die substanzielle Repräsentation von bestimmten Bevölkerungsgruppen insbesondere in zwei Fällen von ihrer deskriptiven Repräsentation abhängig: in Situationen von gegenseitigem Misstrauen sowie bei Bestehen von uncristallized interests– falls sich also Interessen und Präferenzen bezüglich neuerer politischer Themen noch nicht gefestigt haben. Zu guter Letzt geht es bei der deskriptiven Repräsentation von Frauen ganz grundsätzlich um Gerechtigkeit – unabhängig von den tatsächlich realisierten policy outcomes. Phillips (1995: 53) argumentiert, dass sich bei Bestehen von gleicher Sachkenntnis und Leistungsfähigkeit die Parlamentssitze gleichmässig zwischen den Geschlechtern verteilen müssten. Da eine solche Aufteilung bisher nicht stattgefunden hat, ist anzunehmen, dass nach wie vor strukturelle Hürden bestehen, die es auszuräumen gilt. Die folgenden Analysen geben Aufschluss über einige Hindernisse, mit denen Politikerinnen in der Schweiz konfrontiert sind.

Der vorliegende Beitrag widmet sich der Analyse des Gender Gaps– der Kluft zwischen den Geschlechtern – in den lokalen Parlamenten und stützt sich auf eine flächendeckende Befragung aller Schweizer Stadtparlamentsmitglieder aus dem Jahre 2008. Der Artikel greift dabei teilweise auf die Ergebnisse der Lizentiatsarbeit von Marisa Rusch (2009) zurück. Um den Gender Gap umfassend zu betrachten, gelangen sowohl strukturelle Erklärungsfaktoren auf Stadtebene als auch individuelle Variablen zur Anwendung. Als erster Analyseschritt wird die Erklärungskraft von städtischen Rahmenbedingungen hinsichtlich des Frauenanteils im städtischen Parlament untersucht. Dabei kann aufgezeigt werden, wie sich beispielsweise die Stadtgrösse, die Sprachregion, die Dauer seit Einführung des Frauenstimmrechts oder das ausserfamiliäre Kinderbetreuungsangebot auf die Frauenvertretung auswirken. In weiteren Analyseschritten liegt der Fokus auf der individuellen Ebene – die Unterschiede zwischen Frauen und Männern hinsichtlich ihrer politischen Rekrutierung, der politischen Laufbahn sowie der Planung ihrer politischen Karriere stehen hier im Mittelpunkt. Gestützt auf den theoretischen Ansatz zur politischen Rekrutierung nach Pippa Norris (1997) werden die männlichen und weiblichen Rekrutierungs- und Karrieremuster auf lokaler Ebene untersucht und verglichen. Da die typische politische Karriere in der Schweiz ihren Anfang auf der kommunalen Ebene nimmt und sich der Gender Gap auf höheren Staatsebenen vergrössert, sind insbesondere die Gründe für einen frühen Ausstieg von Frauen äusserst relevant für die Diskussion der politischen Repräsentation. Anhand statistischer Analysen kann gezeigt werden, dass Frauen im lokalen Rekrutierungsprozess über höheres politisches Kapital verfügen müssen als die männlichen Aspiranten, um für eine Kandidatur als Parlamentsmitglied nominiert zu werden. Es bestätigt sich die These von Norris (2004: 184), dass der politische Rekrutierungsprozess dazu neigt, den Status Quo zu reproduzieren und dabei Männer systematisch bevorzugt. Frauen werden zudem häufiger von kommunalen Wählergruppen5 rekrutiert, die keiner nationalen Partei angehören. Im Folgenden kann der Beweis erbracht werden, dass dies den städtischen Parlamentarierinnen den Aufstieg auf der politischen Karriereleiter erschwert und einen vorzeitigen Rücktritt aus Mangel an Ressourcen und Unterstützung wahrscheinlicher macht.

Die Mitglieder von Schweizer Stadtparlamenten

Die durchgeführte Erhebung der Stadtparlamentsmitglieder

Die vorliegende Analyse stützt sich auf eine umfassende Datenbasis von Parlamentsmitgliedern der Schweizer Städte.6 Während der ersten Hälfte des Jahres 2008 wurde im Rahmen einer schweizweiten Vollerhebung allen 4162 Mitgliedern der 84 Stadtparlamente7 ein standardisierter, schriftlicher Fragebogen zugesandt. Dieser Fragebogen gliederte sich in unterschiedliche Themenblöcke und beinhaltete Fragen zur politischen Laufbahn und der eigenen Person, zur Rolle des Parlaments und zu den Funktionen von Parlamentsmitgliedern sowie den eigenen Einschätzungen der Stadtpolitik. Die erhobenen Daten ermöglichen relativ umfassende Aussagen zur Rekrutierung und zu den Karrieremustern von männlichen und weiblichen Stadtparlamentsmitgliedern. Eine vollständige Abbildung des Rekrutierungsprozesses sowie eine ausführliche Darstellung der bisherigen und der geplanten politischen Laufbahn sind damit allerdings nicht durchführbar.8 Die Erhebung wurde vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich durchgeführt und war eingebettet in ein internationales Forschungsprojekt, das sich über insgesamt fünfzehn europäische Länder und Israel erstreckte. Der entstandene internationale Datensatz beinhaltet knapp 12’000 Parlamentsmitglieder aus 800 Städten.

Die Rücklaufquote der Schweizer Befragung beträgt 37%, was 1540 retournierten Fragebögen entspricht. Alle 84 erhobenen Stadtparlamente, die insgesamt in zwanzig Kantonen liegen, sind mit mindestens fünf Personen vertreten. Die Repräsentativität des Datensatzes scheint bezüglich der Grundgesamtheit aller Schweizer Stadtparlamentsmitglieder ausreichend gewährleistet. So liegt der Anteil der erfassten Parlamentarierinnen bei 31.2%, was fast der durchschnittlichen Frauenvertretung von 32.2% in den Schweizer Stadtparlamenten entspricht. Hinsichtlich der Sprachregionen besteht eine Übervertretung von Parlamentsmitgliedern aus der Deutschschweiz gegenüber den Vertretern aus der Romandie. 61.4% der Antworten stammen aus der Deutschschweiz (im Vergleich zu 50.8% Deutschschweizer Parlamentsmitgliedern), während nur 34.7% der in die französischsprachige Schweiz versandten Fragebögen retourniert wurden (im Vergleich zu 45.6% Parlamentsmitgliedern aus der Romandie). Bezüglich der Parteienstärke in den städtischen Parlamenten sind die linken und grünen Parteien (SPS, Grüne, PdA/Sol.) im Datensatz etwas überrepräsentiert (40.1% zu 35.9% in der Grundgesamtheit), der bürgerliche Block (FDP, CVP, LPS, SVP) hingegen leicht untervertreten (47.5% zu 53.2% in der Grundgesamtheit)9.

Das typische Schweizer Stadtparlamentsmitglied

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem soziografischen Profil von politischen Eliten kann auf eine lange Tradition zurückblicken (s. z.B. Herzog 1975; Putnam 1976). Neuere Studien zu Parlamentsmitgliedern fokussieren dabei hauptsächlich auf zwei aktuelle Entwicklungen in Legislativorganen: den Prozess der Demokratisierung – die Offenheit des Rekrutierungsprozesses für verschiedene soziale Gruppen – und den Prozess der Professionalisierung des Amtes (vgl. Pilotti et al. 2010: 211–12). Für die Schweizer Bundesversammlung wurden diese Prozesse von Pilotti et al. (2010)über das letzte Jahrhundert hinweg erhoben und analysiert. Auf der lokalen Ebene hingegen bestehen keine wissenschaftlichen Studien zum soziodemografischen Profil der Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Mit den erhobenen Daten zu den Schweizer Stadtparlamentsmitgliedern werden nun erstmals Aussagen zu ihren persönlichen Eigenschaften und Einstellungen sowie zur Zusammensetzung der städtischen Parlamente möglich.

Das typische Schweizer Stadtparlamentsmitglied ist demnach ein Mann mittleren Alters, der über einen hohen Bildungsabschluss verfügt, einer hohen sozio-professionellen Schicht angehört und seit langem in seiner Stadt wohnhaft ist. Gut zwei Drittel der Parlamentsmitglieder sind Männer. Das Durchschnittsalter liegt bei 47.7 Jahren, wobei eine grosse Streuung von 20 bis 87 Jahren auszumachen ist. 38.3% der erhobenen Repräsentanten verfügen über einen Hochschulabschluss, weitere 20.1% haben eine höhere Fachschule abgeschlossen und 13.1% besitzen eine höhere Berufsausbildung. Auch bezüglich der sozio-professionellen Schicht heben sich die lokalen Parlamentsmitglieder von der übrigen Bevölkerung ab. Im vorliegenden Fall wird die Zugehörigkeit zu einer sozio-professionellen Schicht anhand von fünf Skill Levels gemessen, die die Komplexität der beruflichen Aufgaben wiedergeben.10 So weisen 21% der Befragten das höchste Skill Level auf, das alle Führungskräfte umfasst. Akademische Berufe machen die zweithöchste Kategorie aus, der 39.8% der Parlamentsmitglieder angehören. Auf dem dritthöchsten Level, das technische und ähnliche Berufe beinhaltet, finden sich noch 23.4% der Befragten. Nur 15.8% weisen ein Skill Level der untersten beiden Stufen auf, das sich auf kaufmännische Berufe, auf Dienstleistungs- und Verkaufsberufe sowie auf handwerkliche Berufe bezieht. Das typische Schweizer Stadtparlamentsmitglied wohnt zudem seit 28.3 Jahren in seiner Stadt.

Diese Resultate stimmen mit Ergebnissen anderer Studien überein, die sich mit den soziodemografischen Merkmalen der politischen Eliten auf lokaler Ebene auseinandergesetzt haben. So haben Steyvers und Reynaert (2006: 70) Folgendes festgestellt: “mayors are disproportionately male, middle-aged, high educated, occupy a high status but with a politics compatible profession and are rooted in their community”. Diese Ergebnisse stützen sich auf eine umfassende Studie zu europäischen Bürgermeistern aus dem Jahre 2003. Bereits 1995 konnte zudem für die USA, Schweden und die Niederlande Ähnliches belegt werden: “at the local level political decision-makers are predominantly male, middle aged, high in professional status and well-educated” (Eldersveld et al. 1995: 31–55).

Ein Vergleich der soziodemografischen Profile von Schweizer Stadtparlamentarierinnen und Stadtparlamentariern offenbart ebenfalls neue, allerdings nicht allzu überraschende Erkenntnisse (s. Abbildung 1). Altersmässig liegen die weiblichen und männlichen Parlamentsmitglieder sehr nahe beieinander, während sich bezüglich Bildungsabschluss leichte qualitative Unterschiede zeigen. So verfügen Frauen vergleichsweise häufiger über einen Abschluss einer höheren Fachschule und haben als letzte Bildungsinstitution doppelt so häufig das Gymnasium oder Lehrerseminar besucht. Ihre männlichen Ratskollegen können hingegen um ein Mehrfaches häufiger eine höhere Berufsausbildung vorweisen. Männliche und weibliche Parlamentsmitglieder haben also leicht unterschiedliche Bildungslaufbahnen absolviert. Bezüglich der sozio-professionellen Schicht sind die Abweichungen einheitlicher – die Stadtparlamentarier verfügen über ein durchschnittlich leicht höheres Skill Level als die Stadtparlamentarierinnen. Insbesondere auf dem höchsten Niveau, der Ebene der Führungskräfte, sind deutlich weniger Frauen angesiedelt – ein Phänomen, das sich in der Schweiz nicht nur auf die lokalen Parlamentsmitglieder beschränkt. Die Parlamentarier sind zudem knapp fünf Jahre länger in ihrer Stadt wohnhaft als ihre Ratskolleginnen. Wie auch in der Gesamtbevölkerung verläuft die Aufteilung zwischen Erwerbs- und Hausarbeit immer noch klar entlang der Geschlechtergrenze. Interessanterweise erreichen aber beide Gruppen fast dasselbe Total an Arbeitsstunden pro Woche. Hinsichtlich der Parteimitgliedschaft sind ebenfalls deutliche Unterschiede erkennbar. Während eine klare Mehrheit der weiblichen Parlamentsmitglieder einer linken oder grünen Partei (SPS, Grüne, PdA/Sol.) angehört, haben die meisten männlichen Parlamentsmitglieder ihre ideologische Heimat in einer bürgerlichen Partei (FDP, CVP, LPS, SVP). Zudem gehören Männer öfters der lokalen Sektion einer nationalen Partei an, während Frauen häufiger von rein kommunalen Wählergruppen rekrutiert werden.

Figure 1.

 Soziodemografisches Profil der Schweizer Stadtparlamentsmitglieder

Erklärende Faktoren zum Frauenanteil in städtischen Legislativen

Als erster Analyseschritt soll nun der Einfluss von städtischen Faktoren auf den Frauenanteil in den Schweizer Stadtparlamenten untersucht werden. Diese Schwerpunktsetzung auf den deskriptiven Aspekt von politischer Repräsentation ist in Forschungsarbeiten der Gender Studies sehr häufig anzutreffen (vgl. Krook 2010: 234). Der Frauenanteil in den lokalen Parlamenten der Schweiz schwankt zwischen 16.7% in Opfikon im Kanton Zürich und 57.5% in Genf. Zu den möglichen Einflussfaktoren auf Stadtebene zählen strukturelle Faktoren (z.B. Stadtgrösse, Parlamentsgrösse, Sprachregion, dominierende Konfession, Dauer seit Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen, ausserfamiliäres Kinderbetreuungsangebot sowie räumliche Typologisierungen), institutionelle Faktoren hinsichtlich der Ausgestaltung des Wahlsystems (z.B. Wahlkreisgrösse, Bestehen von Listenverbindungen sowie Möglichkeiten einer differenzierten Stimmabgabe wie Kumulieren oder Panaschieren), parlamentsinterne Faktoren (z.B. Parteistärken im Parlament, Organisation der Parlamentssitzungen sowie monetäre Entschädigungen) und parteiinterne Faktoren (z.B. Frauensektionen innerhalb einer Partei oder interne Frauenquoten).11

Bezüglich der Stadtgrösse zeigen verschiedene Studien einen positiven Effekt auf den Frauenanteil in der Legislative (z.B. Ballmer-Cao 2000; Norris 1996; Waylen 2007). Zum Einfluss der Parlamentsgrösse liefert der Ansatz des Ticket-Balancing (Saunders et al. 2005) eine mögliche Erklärung: wenn viele Mandate zu vergeben sind, wird man als Wählerin oder Wähler eher auf verschiedenartige Kandidierende setzen, während bei einer kleinen Sitzzahl eher die erfolgsversprechendsten Kandidierenden – die wohl dem skizzierten Bild des typischen Parlamentsmitglieds am nächsten kommen – gewählt werden. Die Parlamentsgrösse könnte sich also positiv auf die Wahlchancen von Frauen auswirken. Hinsichtlich der dominierenden Konfession zeigt sich in vergleichenden Studien eine positive Korrelation zwischen der protestantischen Prägung eines Gebiets und der politischen Teilhabe von Frauen (vgl. Krook 2010: 234). Dieser Zusammenhang soll nun auch in Schweizer Städten geprüft werden. Der Dauer seit der Einführung des kommunalen Stimm- und Wahlrechts für Frauen wird ein ebenfalls positiver Einfluss auf die Frauenrepräsentation zugeschrieben, weil diese einerseits auf die Sozialisierung der Frauen einwirkt und andererseits die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Frauen und Geschlechtergleichberechtigung reflektiert (vgl. Kenworthy/Malami 1999; Norris 2004). Gemäss Norris’ Rekrutierungsmodell (1997) spielen zeitliche Ressourcen sowie das familiäre Umfeld der Aspirantinnen und Aspiranten eine wichtige Rolle im Prozess der politischen Rekrutierung. Es lässt sich daher vermuten, dass gut ausgebaute, ausserfamiliäre Kinderbetreuungsangebote in einer Stadt den Einstieg in ein lokalpolitisches Amt erleichtern.12 Als weitere mögliche Einflussfaktoren gelangen räumliche Typologisierungen der Gemeinden zur Anwendung. Gemäss Kübler und Scheuss (2005) weist der städtische Raum in der Schweiz bezüglich der politischen Präferenzen seiner Einwohner keinesfalls eine homogene Struktur auf. So hat sich hinsichtlich der vorherrschenden Wertvorstellungen eine Dreiteilung des urbanen Raums in Kernstadt, suburbane und periurbane Zone herausgebildet, wobei die Stimmbürger der Kernstädte links votieren, diejenigen der suburbanen Zone rechtsnational und diejenigen der periurbanen Gebiete rechtsliberal (ebd. 2005). Die für die vorliegende Analyse erhobenen Städte lassen sich gemäss Typologie des Bundesamtes für Statistik in Zentrumsgemeinden, suburbane und einkommensstarke Gemeinden einteilen.13 Ob auch bezüglich der politischen Repräsentation von Frauen Unterschiede zwischen den einzelnen Gebietstypen bestehen, soll die folgende Untersuchung zeigen. Bezüglich der Parteistärken ist anzunehmen, dass mit einem hohen Sitzanteil linker und grüner Parteien auch der Frauenanteil steigt. So beweist Caul Kittilson (1999) in ihrer Untersuchung, dass linke Parteien generell mehr weibliche Mandatsträgerinnen aufweisen als Parteien im rechten politischen Spektrum.14 Gemäss Caul Kittilson (ebd.) haben parteiinterne Faktoren zudem einen bedeutenden Einfluss auf die Präsenz von Frauen in Parlamenten. So zeigen organisatorische Strukturen, wie das Bestehen von Frauensektionen oder internen Frauenquoten, einen klar positiven Effekt.

Die multiple Regressionsanalyse in Tabelle 1 zeigt allerdings nur bei zwei Faktoren einen signifikanten Effekt. So können die Sprachregion und die räumliche Gemeindetypologie einen gewissen Anteil der Varianz des Frauenanteils in Stadtparlamenten erklären. Städte in der französischsprachigen Schweiz weisen im Vergleich zur Referenzkategorie der italienischen Schweiz einen sehr hohen Anteil weiblicher Parlamentsmitglieder auf. In einkommensstarken Gemeinden – wie Binningen, Muri bei Bern, Pully oder Riehen – liegt der Sitzanteil von Parlamentarierinnen zudem signifikant höher als in der Referenzkategorie der suburbanen Gemeinden. Dieses Resultat wirkt überraschend, da ein hoher Frauenanteil eher in Kernstädten erwartet wurde – aufgrund der eher linksorientierten politischen Präferenzen der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger. Die übrigen untersuchten Faktoren – die Stadtgrösse, die Parlamentsgrösse, die dominierende Konfession, die Dauer seit Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen, das ausserfamiliäre Kinderbetreuungsangebot sowie die Parteistärken im Parlament – zeigen hingegen keinen Einfluss.

Table 1.   Multiple lineare Regressionsanalyse zum Frauenanteil in städtischen Legislativen (OLS Regression)
Unabhängige VariablenStandardisierte Koeffizienten
  1. * p < 0.05

Stadtgrösse (Einwohnerzahl, log.)0.157
Parlamentsgrösse0.017
Deutschsprachige Schweiz0.582
Französischsprachige Schweiz0.847*
Anteil der röm.-kath. Bevölkerung−0.310
Dauer seit Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen−0.263
Ausserfamiliäres Kinderbetreuungsangebot0.105
Zentrumsgemeinde (Typologie BfS)0.128
Einkommensstarke Gemeinde (Typologie BfS)0.237*
Sitzanteil FDP0.062
Sitzanteil CVP0.063
Sitzanteil SPS−0.040
Sitzanteil SVP−0.176
Sitzanteil GPS−0.038
N84
R20.248

Die durchgeführte Analyse zeigt auf, dass der Gender Gap in den Schweizer Stadtparlamenten nur teilweise mit strukturellen Faktoren auf Stadtebene erklärt werden kann. Das Regressionsmodell verfügt mit 24.8% nur über eine begrenzte Erklärungskraft. Im Folgenden soll nun untersucht werden, ob es vielmehr individuelle Variablen sind, die einen wesentlichen Einfluss auf die politische Repräsentation von Frauen haben. Fokussiert wird dabei auf den Prozess der politischen Rekrutierung sowie auf die politischen Karrieremuster von Schweizer Stadtparlamentarierinnen und Stadtparlamentariern.

Der Gender Gap in der politischen Rekrutierung

Politische Rekrutierung bezeichnet den Eintrittsprozess in ein politisches Amt, wobei die meisten Politikerinnen und Politiker von einem günstigen sozialen Umfeld, der Erziehung in einer politischen Familie sowie von hilfreichen sozialen Netzwerken profitieren können (Norris 1997; Prewitt 1970). Die theoretische Bedeutung dieses Konzepts zeigt sich in einer breiten Fülle an wissenschaftlicher Literatur. In aller Regel beziehen sich diese Arbeiten allerdings auf das politische Personal auf nationaler Ebene – zur politischen Rekrutierung auf lokaler Ebene präsentiert sich der Forschungsstand sehr mager (vgl. Norris 1997; Wiesendahl 2004). In der Schweiz ist diese Forschungslücke aufgrund der relativ intransparenten Rekrutierungsstrukturen noch ausgeprägter vorhanden.15 Nach Norris (1996: 202f.) sind die Schweizer Parteien bezüglich Rekrutierungsstrukturen dem Patronage-System zuzuordnen. Der politische Nominationsprozess findet somit lokal statt, ist relativ geschlossen und intransparent. Des Weiteren variieren die geltenden Regeln und die relevanten Akteure nach Region und Partei. Geser (2002: 436)äussert sich dazu wie folgt: “Aufgrund jahrzehntelanger internationaler Gemeindeforschung hat sich gezeigt, dass die nahe liegende Frage, wer sich wie häufig, aus welchen Motiven und mit welchem Einfluss und Erfolg an der Politik beteiligt, auf lokaler Ebene besonders schwierig zu beantworten ist, weil sich (…) viele wesentliche Aktivitäten in undurchsichtigen informellen Netzwerken vollziehen”.

Neuere Analysen zur politischen Rekrutierung bedienen sich häufig des theoretischen Rahmens nach Pippa Norris (vgl. Patzelt 1999). Norris’ Rekrutierungsmodell (1997) basiert auf neoinstitutionalistischen Annahmen und propagiert einen Interaktionsprozess zwischen institutionellen Strukturen und den Einstellungen und Präferenzen der individuellen Akteure. Ihr Modell beinhaltet vier Analyseebenen, die in einen so genannten “Kausalitätstrichter” eingebettet sind: das politische System, der Rekrutierungsprozess an sich, das Kandidierenden-Angebot sowie die Nachfrage der Gatekeepers (s. Abbildung 2).

Figure 2.

 Der Kausalitätstrichter des Rekrutierungsprozesses (Quelle: Norris 1997: 2, eigene Übersetzung)

Das politische System, das sich bei Norris (1997) aus Rechts-, Wahl- und Parteiensystem zusammensetzt, formiert die Opportunitätsstruktur für politische Karrieren und strukturiert den Rekrutierungsprozess. Zu den entscheidenden Indikatoren zählen beispielsweise das Kammersystem, die Anzahl Mandate oder die Häufigkeit von Wahlen (ebd.: 11). Der eigentliche Rekrutierungsprozess spielt sich üblicherweise in den Parteien ab und ist daher stark von den jeweiligen parteiinternen Normen und Regeln sowie dem Organisationsgrad der Partei geprägt. Das Kandidierenden-Angebot umfasst die Aspirantinnen und Aspiranten und schliesst auch ihr politisches Kapitel und ihre Motivation mit ein. Unter dem politischen Kapital sind die persönlichen Ressourcen zu verstehen, zu denen neben den Finanzen auch das Umfeld, die Erfahrungen und persönlichen Qualifikationen zählen. Die so genannten Gatekeepers definieren die Kriterien der Auslese und bilden die Nachfrageseite des Rekrutierungsprozesses ab. Meistens handelt es sich dabei um wichtige Parteimitglieder oder externe Akteure von hoher politischer Relevanz. Zusammengefasst lässt sich sagen: Das politische System legt den allgemeinen Kontext fest, der Rekrutierungsprozess vollführt den Schritt von der Aspiration zur Nomination und das Zusammenwirken von Kandidierenden-Angebot und der Nachfrage der Gatekeepers bestimmt das Ergebnis (Norris 1997: 11–15).

Es stellt sich nun die Frage, ob der Prozess der politischen Rekrutierung einen signifikanten Einfluss auf die Vertretung von Frauen in den städtischen Parlamenten der Schweiz ausübt. Stellen sich bereits deutlich weniger Frauen als Kandidierende zur Verfügung oder sind es die Gatekeepers, die mit der Festlegung ihrer Auslesekriterien den Frauenanteil unter den Nominierten senken? Die bereits bestehende empirische Evidenz zeigt auf, dass der Selektionsprozess – falls keine Intervention von aussen erfolgt – in aller Regel den Status Quo reproduziert, indem er bisherige und neue Kandidierende begünstigt, die dem Bild des typischen Parlamentsmitglieds am ehesten entsprechen (vgl. Norris 2004: 184). Wie bereits festgestellt, ist das typische Schweizer Stadtparlamentsmitglied ein Mann mittleren Alters, der über einen hohen Bildungsabschluss verfügt, einer hohen sozio-professionellen Schicht angehört und seit langem in seiner Stadt wohnhaft ist. Es ist daher anzunehmen, dass die Nominationschancen für Frauen selbstverstärkend schlechter sind als für männliche Kandidierende. Aspirantinnen auf ein politisches Amt müssen vermutlich über starke Ressourcen, über hohes politisches Kapital verfügen, um den Rekrutierungsprozess erfolgreich zu durchlaufen.

Mit den vorhandenen quantitativen Daten zu den Schweizer Stadtparlamentsmitgliedern ist es allerdings nicht möglich, die politischen Rekrutierungsstrukturen in den Städten umfassend zu eruieren und nachzuzeichnen. Der Rekrutierungsprozess ist daher nur retrospektivisch aus der Sicht der bereits gewählten Parlamentarierinnen und Parlamentarier zu erheben und zu analysieren. Die Datenbasis beinhaltet zudem nicht alle Dimensionen des Prozesses – gezwungenermassen erfolgt eine Beschränkung auf einzelne Aspekte der politischen Rekrutierung.16 So soll einerseits der Frage nachgegangen werden, ob Schweizer Stadtparlamentarierinnen eher auf die Unterstützung einer politischen Familie zurückgreifen konnten als ihre Ratskollegen. Das Aufwachsen und die Erziehung in einem politischen Umfeld stellen wichtige Ressourcen im Rekrutierungsprozess dar und können die politische Karriere von Kandidierenden nachhaltig prägen. Fox und Lawless (2005: 653) formulieren es wie folgt: “Early political exposure generates lasting effects that are independent and cannot be entirely compensated for by being politically active as an adult”. Auch Dubuis (2003) zeigt in ihrer Untersuchung von Walliser Politikerinnen, dass diese oftmals bereits aus einer politischen Familie stammen. Es wird daher angenommen, dass die gewählten weiblichen Parlamentsmitglieder über höheres politisches Kapital und über stärkere politische Familienbande verfügen als die männlichen Parlamentsmitglieder, was ihnen eine höhere Nominationschance seitens der Gatekeepers bescherte. Gemessen wird die Herkunft aus einer politischen Familie mittels der Frage, ob jemand aus der Familie in der Vergangenheit ein politisches Amt innehatte oder gegenwärtig über ein Mandat verfügt. Andererseits soll der Auslöser für die Kandidatur als ein weiterer wichtiger Aspekt der politischen Rekrutierung genauer betrachtet werden. So ist anzunehmen, dass die gewählten Frauen häufiger direkt von den Gatekeepers rekrutiert wurden, während die männlichen Parlamentsmitglieder sich eher selbst zur Kandidatur vorgeschlagen haben. Hinter dieser Hypothese steht die Annahme, dass die Männer, die ihre Kandidatur selber einbringen, über höhere Nominationschancen verfügen als ihre weiblichen Pendants. Gemäss der These der Selbstreproduktion des politischen Rekrutierungsprozesses treffen die Gatekeepers ihre Auswahl nach etablierten Kriterien und begünstigen dadurch systematisch die männlichen Aspiranten. Es ist somit wahrscheinlich, dass die weiblichen Nominierten häufiger von wichtigen Parteimitgliedern oder anderen relevanten Akteure für die Kandidatur vorgeschlagen wurden. Die entsprechende Frage aus dem Fragebogen bezieht sich auf den Auslöser für die Kandidatur und präsentiert die zwei Antwortmöglichkeiten ‘ich habe mich selbst vorgeschlagen’ und ‘ich wurde von anderen gebeten zu kandidieren’.

Die statistischen Analysen bestätigen die postulierten Hypothesen nur teilweise. So haben sich 18.5% der gewählten Männer selbst zur Kandidatur vorgeschlagen, während nur 13.6% der Frauen ihre Kandidatur selber eingebracht haben. Dieser Unterschied ist signifikant und somit nicht zufällig zu Stande gekommen.17 Die gewählten Parlamentarierinnen sind also signifikant häufiger zur Kandidatur vorgeschlagen worden. Bezüglich der Herkunft aus einer politischen Familie lässt sich der vermutete Zusammenhang aber mit den vorliegenden Daten nicht zweifelsfrei nachweisen. 40% der Stadtparlamentarierinnen stammen aus einer politischen Familie, während 35.5% der Stadtparlamentarier weitere Mandatsträger in der Familie haben. Die Hypothese, dass Stadtparlamentarierinnen häufiger über politische Familienbande verfügen als ihre männlichen Ratskollegen, muss aber auf dem gewählten Signifikanzniveau von 5% knapp zurückgewiesen werden.18 Diese Untersuchung liefert einen ersten Anhaltspunkt, dass der bestehende Gender Gap in den Schweizer Stadtparlamenten neben den strukturellen Rahmenbedingungen auch dem politischen Rekrutierungsprozess geschuldet ist. Auf der lokalen Ebene sind Frauen für den Eintritt in ein politisches Amt offensichtlich stärker auf eine direkte Rekrutierung durch die so genannten Gatekeepers angewiesen. Frauen werden eher zu Kandidierenden, wenn sie direkt für die Kandidatur angefragt werden. Die Resultate bestätigen somit zumindest teilweise die These, dass der Rekrutierungsprozess auch in der Schweiz dazu neigt, den Status Quo zu reproduzieren und dadurch männliche Aspiranten systematisch bevorzugt.

Der Gender Gap in den politischen Karrieremustern

Differenzen zwischen männlichen und weiblichen Karriereplanungen

Politische Karrieren in der Schweiz nehmen ihren Anfang in aller Regel auf den unteren Staatsebenen. Gemäss Pilotti et al. (2010: 232) hatten im Jahr 2000 87.1% der nationalen Parlamentsmitglieder vorgängig entweder ein Mandat auf kommunaler oder auf kantonaler Ebene inne. 45% der Mitglieder der Bundesversammlung übten vorgängig sowohl ein Amt auf kommunaler wie auch auf kantonaler Ebene aus – absolvierten also einen cursus honorum (ebd.: 232). Um dem Gender Gap auch auf höheren Staatsebenen auf die Spur zu kommen, scheint eine Beschäftigung mit der lokalen Ebene und insbesondere die Suche nach Gründen für einen frühen Ausstieg von weiblichen Parlamentsmitgliedern daher äusserst angebracht. Welche hemmenden Faktoren sind ausschlaggebend, dass Stadtparlamentarierinnen ihre politische Karriere nicht weiterverfolgen? Verfügen weibliche Parlamentsmitglieder über eine weniger ambitionierte Karriereplanung als ihre männlichen Ratskollegen oder stellen sich ihnen andere Hindernisse in den Weg? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.

Die vorliegende Datenbasis zu den Schweizer Stadtparlamentsmitgliedern ermöglicht vielfältige Einblicke in die Unterschiede der weiblichen und männlichen Karrieremuster und -planungen. So wurden die Repräsentanten unter anderem nach den Beweggründen für ihre Kandidatur gefragt. Eine der vorgegebenen Antwortmöglichkeiten bezog sich auf die Motivation, mit dem Amt als Stadtparlamentsmitglied eine politische Karriere beginnen zu wollen. Die Auswertung der erhobenen Daten zeigt nun aber, dass dieses spezifische Motivationsmuster bei männlichen und weiblichen Parlamentsmitgliedern gleich häufig vorhanden ist. Es besteht kein statistisch signifikanter Zusammenhang – der Beweggrund, eine politische Karriere zu beginnen, war für die Kandidatur bei den Parlamentarierinnen und Parlamentariern ähnlich ausschlaggebend.19 Eine weitere Frage aus der durchgeführten Erhebung bezog sich auf die persönliche Karriereplanung nach der jetzigen Amtszeit. Die Antwortmöglichkeiten umfassten dabei die erneute Kandidatur für das Stadtparlament, die Weiterführung der politischen Karriere auf einer höheren Staatsebene und den Austritt aus der aktiven Politik. Die statistische Analyse zum potentiellen Zusammenhang zwischen der Karriereplanung und dem Geschlecht zeigt auch bei dieser zweiten Frage keine statistisch signifikante Beziehung auf. Die in die Untersuchung eingeschlossenen Frauen und Männer möchten genau gleich häufig in ihrem Amt verbleiben oder die Karriereleiter weiter hinaufsteigen. Die Stadtparlamentarierinnen weisen also eine genauso ambitionierte politische Karriereplanung auf wie die männlichen Repräsentanten.20

Diese Auswertungen demonstrieren, dass es eben nicht Unterschiede in den Karriereplanungen oder in der persönlichen Motivation sind, die den Anteil an weiblichen Repräsentanten auf höheren Staatsebenen schrumpfen lassen. Die Stadtparlamentarierinnen sind gleichermassen gewillt, die politische Karriereleiter zu erklimmen und politische Ämter auf Kantons- oder Bundesebene anzustreben. Es müssen also externe Faktoren sein, die den politischen Aufstieg von weiblichen Parlamentsmitgliedern hemmen und zu einem verfrühten Karriereende führen. Diese Faktoren sind möglicherweise in den politischen Rekrutierungsprozessen auf den höheren Staatsebenen zu finden. Mit der vorliegenden Datenbasis können diese Prozesse allerdings nicht analysiert werden. Betrachtet wird hingegen die Gruppe der städtischen Volksvertreter, die die Politik nach Ablauf ihrer Amtszeit verlassen möchten. Es ist anzunehmen, dass die Gründe für einen Ausstieg aus der Politik zwischen weiblichen und männlichen Parlamentsmitgliedern differieren, und in diesen Unterschieden Hinweise auf allfällige Karrierehindernisse entdeckt werden können.

361 der erfassten städtischen Parlamentsmitglieder möchten nach der laufenden Amtszeit die Politik verlassen, was 24.4% der erhobenen Personen entspricht. Befragt zu den Gründen des geplanten Rücktritts anhand von sieben vorgegebenen Antwortmöglichkeiten21, zeigen sich bei drei Items geschlechtsspezifische Unterschiede. Männer geben signifikant häufiger an, dass sie “zu alt” seien und “ihre Pflicht als Bürger getan” hätten. Die weiblichen Stadtparlamentsmitglieder hingegen wählten als Rücktrittsgrund deutlich öfter folgende Aussage: “Ich denke, dass die politische Arbeit im Verhältnis zu Familie und/oder Beruf zu zeitaufwendig ist”. Zeitliche Restriktionen stellen für 51.7% der austretenden Frauen einen relevanten Rücktrittsgrund dar, während nur 40.7% der austretenden Männer diese Aussage als zutreffend erachten. Es zeigen sich also klare geschlechtsspezifische Unterschiede. Während die Stadtparlamentarier aus freien Stücken zurücktreten wollen, weil sie sich zu alt fühlen oder der Meinung sind, ihre Bürgerpflicht erfüllt zu haben, erfolgt der geplante Rücktritt bei den Parlamentarierinnen signifikant häufiger aus Zeitmangel. Wie vermutet, sind es also oftmals externe Faktoren, die den politischen Aufstieg von Frauen behindern und zu einem geringeren Frauenanteil auf höheren staatlichen Ebenen führen. Offensichtlich verfügen Stadtpolitikerinnen signifikant seltener über die nötige personelle oder finanzielle Unterstützung, um neben ihrem Beruf und ihrer Familie eine politische Karriere voranzutreiben. So bestätigt sich ein früheres Studienergebnis von Hoecker (1995: 34): “Obwohl sich die Lebensformen von Frauen und Männern pluralisiert haben, stehen Frauen doch immer noch stärker unter Druck der Vereinbarkeit von politischer Partizipation mit Erwerbstätigkeit und Familien- bzw. Mutterpflichten als Männer”.22

Erklärende Faktoren zur häufigeren Rücktrittsabsicht der Stadtparlamentarierinnen

Die Tatsache, dass weibliche Parlamentsmitglieder signifikant häufiger aus zeitlichen Gründen die Politik verlassen wollen, soll nun noch genauer untersucht werden. Die städtischen Parlamentarierinnen der Schweiz verfolgen zwar eine genauso ambitionierte Karriereplanung wie die männlichen Repräsentanten, hegen aber aufgrund der fehlenden Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Politik deutlich häufiger eine Rücktrittsabsicht. Um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen, wird die Gruppe der betroffenen Frauen näher betrachtet und mit allen anderen städtischen Volksvertreterinnen verglichen. Plausible Variablen für die Erklärung dieser Überbelastung liegen dabei einerseits in den persönlichen Lebensumständen der betroffenen Frauen sowie andererseits in strukturellen Faktoren auf städtischer Ebene. So ist anzunehmen, dass sich ein ausgebautes ausserfamiliäres Kinderbetreuungsangebot23 förderlich auf die politische Karriere auswirkt und einen Rücktritt aus zeitlichen Gründen unwahrscheinlicher macht. Auf individueller Ebene stellen eine zu hohe Beanspruchung durch Beruf, Hausarbeit sowie Pflege- und Erziehungsaufgaben, der Erwerbsstatus sowie die Verantwortung für eigene Kinder mögliche Karrierehindernisse dar. Zudem könnte sich die Tatsache, dass lokale Parlamentarierinnen häufiger Mitglieder kommunaler Wählergruppen sind, negativ auf die Länge ihrer Amtsdauer auswirken. Kommunale Wählergruppen verfügen im Vergleich zu Lokalsektionen nationaler Parteien oftmals über weniger Ressourcen. Durch die fehlende Einbindung in eine übergeordnete Parteiorganisation fällt die materielle und ideologische Unterstützung durch eine Kantonalpartei weg. Diese Unterstützung wird von den übrigen Lokalsektionen gemäss Ladner (1997: 189) als äusserst wichtig eingestuft. Daher ist anzunehmen, dass die Mitgliedschaft in rein kommunalen Wählergruppen aufgrund des geringeren Beistands eher zu einer Überbelastung der betroffenen Frauen führt.

Die durchgeführte logistische Mehrebenenregressionsanalyse zeigt einen höheren Einfluss von Faktoren auf individueller Ebene, insgesamt verfügen aber nur wenige Variablen über eine ausreichend hohe Erklärungskraft (s. Tabelle 2). So zeigt das Ausmass des ausserfamiliären Kinderbetreuungsangebots keinen signifikanten Einfluss auf einen geplanten Karriereabbruch wegen zeitlicher Restriktionen. Auf der individuellen Ebene weisen ebenfalls zahlreiche Variablen, denen eine gewisse Erklärungskraft zugeschrieben werden könnte, keinen Einfluss auf. Die Beanspruchung durch Beruf, Hausarbeit, Pflege- und Erziehungsaufgaben sowie die Verantwortung für eigene Kinder verfügen über keine kausale Beziehung zu einem geplanten Rücktritt aus Zeitgründen. Es finden sich aber zwei Faktoren auf individueller Ebene, die sich als durchaus relevant für die vorliegende Analyse erweisen. Der Erwerbsstatus sowie die Zugehörigkeit zu einer kommunalen Wählergruppe haben einen signifikanten Effekt auf die Karrieremuster der weiblichen Parlamentsmitglieder. So gehen die zeitlich zu stark belasteten Frauen signifikant häufiger einer selbstständigen Tätigkeit nach. Die berufliche Selbstständigkeit – im Vergleich zur Referenzkategorie der nicht erwerbstätigen Frauen – macht eine Rücktrittsabsicht aus Zeitgründen um 370.3% wahrscheinlicher. Als zweiter relevanter Faktor auf individueller Ebene zeigt sich die Zugehörigkeit zu einer lokalen Partei oder Wählergruppe, die nicht in der Bundesversammlung vertreten ist. Wurden die in die Analyse einbezogenen Frauen als Kandidatinnen einer rein lokalen Gruppierung gewählt, erhöht sich ihr Risiko, die Politik mangels zeitlicher Ressourcen zu verlassen, um 201.3%.

Table 2.   Logistisches Mehrebenen-Regressionsmodell zu den Stadtparlamentarierinnen, die aus Zeitgründen zurücktreten wollen
Unabhängige VariablenOdds Ratios (Standardfehler)
Modell 1Modell 2
  1. * p < 0.05 ** p < 0.01

Beanspruchung durch Beruf, Hausarbeit sowie Pflege- und Erziehungsaufgaben (Std./Woche)1.007 (0.009)1.007 (0.009)
Gewählt als Kandidatin einer kommunalen Wählergruppe2.978** (1.239)3.013** (1.259)
Selbstständig4.684* (3.653)4.703* (3.688)
Angestellt3.191 (2.195)3.218 (2.225)
Kinder unter zwölf Jahren im Haushalt1.542 (0.615)1.577 (0.634)
Ausserfamiliäres Kinderbetreuungsangebot 1.071 (0.111)
Konstante0.846* (0.368)0.869* (0.366)
N401401
Städte8383
Wald χ214.46*14.56*

Die weiblichen Stadtparlamentsmitglieder, welche die politische Arbeit aufgeben wollen, da sie im Verhältnis zu Familie und/oder Beruf zu zeitaufwendig ist, gehen also häufiger einer selbständigen Tätigkeit nach als ihre Ratskolleginnen und wurden überdurchschnittlich oft als Kandidatinnen einer kommunalen Gruppe gewählt, die nicht einer nationalen Partei angehört. Insbesondere dieser letzte Faktor verdient mehr Aufmerksamkeit. Dass ein Rücktritt signifikant häufiger beabsichtigt wird, wenn die betroffenen Frauen Mitglieder von rein kommunalen Wählergruppen sind, scheint für die Diskussion der politischen Repräsentation von Frauen äusserst relevant. So zeigte sich in verschiedenen Studien, dass die politische Partei eine zentrale politische Ausbildungsstätte darstellt und die Mitgliedschaft in einer Partei ein perfektes Sprungbrett für ein politisches Mandat und die weitere politische Laufbahn bedeutet (vgl. Lazarus 2008; Moyser/Parry 1986; Prewitt 1970). In den Schweizer Stadtparlamenten sind insgesamt 87.6% aller Mitglieder als Kandidaten einer nationalen Partei ins Amt gewählt worden. 11.8% sind Mitglieder einer rein kommunalen Wählergruppe und nur 0.6% der Repräsentanten sind als unabhängige Kandidaten zur Wahl angetreten. Wird unterschieden zwischen männlichen und weiblichen Parlamentsmitgliedern, sieht die Situation etwas anders aus. Bei den Frauen sind 15% Mitglieder in einer lokalen Wählergruppe und nur 84.3% gehören einer nationalen Partei an, während die Männer zu 10.3% zu einer kommunalen Gruppierung und zu 89.1% zu einer nationalen Partei zählen. Der Rekrutierungsprozess in den lokalen Sektionen der nationalen Parteien scheint also noch etwas weniger empfänglich für eine vermehrtere Nomination von Frauen als bisher angenommen. In den rein lokalen Wählergruppen werden vergleichsweise mehr Frauen rekrutiert. Diesen Frauen bleibt der Aufstieg auf der politischen Karriereleiter aber verwehrt – oder er wird ihnen zumindest durch die fehlende Parteimitgliedschaft deutlich erschwert. Zudem erhöht sich wie dargelegt die Wahrscheinlichkeit eines Rücktritts aus Zeitmangel, da die kommunalen Wählergruppen ihren Mitgliedern aufgrund geringerer personeller und finanzieller Ressourcen nicht die nötige Hilfestellung bieten können. Die Auswertung der erhobenen Daten zeigt, dass die aus Zeitgründen austretenden Frauen zu 26.2% Mitglieder einer kommunalen Wählergruppe sind, während es sich bei den aus Zeitmangel zurücktretenden Männern nur um 9.2% handelt.24

Schlussfolgerungen

Die wissenschaftliche Forschung zur politischen Repräsentation von Frauen in der Schweiz hat die unterste Staatsebene bisher stets ausgeklammert. Im schweizerischen Föderalismus, wo politische Karrieren in aller Regel in der Art eines cursus honorum auf tieferen staatlichen Ebenen ihren Anfang nehmen, verspricht eine eingehende Beschäftigung mit der Lokalpolitik jedoch aufschlussreiche Erkenntnisse über die geringere politische Vertretung von Frauen. Mit der Befragung aller Schweizer Stadtparlamentsmitglieder, die im Jahr 2008 vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich durchgeführt wurde, stehen nun erstmals flächendeckende, quantitative Daten zur Verfügung, um die politische Teilhabe von Frauen umfassend zu untersuchen.

Die statistischen Analysen zum Gender Gap in den Schweizer Stadtparlamenten zeigen eine relativ geringe Erklärungskraft von strukturellen Faktoren auf Stadtebene. So wirken nur zwei städtische Variablen signifikant auf den Frauenanteil in den lokalen Legislativen: die Sprachregion und die räumliche Gemeindetypologie. Städte in der französischsprachigen Schweiz verfügen im Vergleich zur italienischen Schweiz über einen höheren Anteil weiblicher Parlamentsmitglieder. Einen ebenfalls positiven Zusammenhang mit der politischen Repräsentation von Frauen zeigt sich in einkommensstarken Gemeinden – im Vergleich zur Referenzkategorie der suburbanen Gemeinden. Werden Faktoren auf der individuellen Ebene betrachtet, kann dem Prozess der politischen Rekrutierung einen signifikanten Einfluss auf die Aufrechterhaltung des Gender Gaps zugeschrieben werden. Die untersuchten lokalen Parlamentarierinnen sind stärker auf eine direkte Rekrutierung durch die so genannten Gatekeepers angewiesen – werden also eher zu Kandidierenden, wenn sie direkt für die Kandidatur angefragt werden. Der vermutete Zusammenhang, dass Parlamentarierinnen zudem häufiger über politische Familienbande verfügen, kann mit den vorliegenden Daten allerdings nicht eindeutig nachgewiesen werden. Die Resultate bestätigen somit zumindest teilweise die These von Norris (2004: 184), dass der Rekrutierungsprozess auch in der Schweiz dazu neigt, den Status Quo zu reproduzieren, indem er bisherige und neue Kandidierende begünstigt, die dem Bild des typischen Parlamentsmitglieds am ehesten entsprechen. Das typische Stadtparlamentsmitglied ist gemäss der vorliegenden Datenbasis ein Mann mittleren Alters, der über einen hohen Bildungsabschluss verfügt, einer hohen sozio-professionellen Schicht angehört und seit langem in seiner Stadt wohnhaft ist. Die Nominationschancen für Frauen sind damit selbstverstärkend schlechter als für männliche Kandidierende. Männer werden zudem überdurchschnittlich oft von Lokalsektionen nationaler Parteien rekrutiert, während Frauen häufiger auf Listen rein kommunaler Gruppen gewählt werden.

Diese Resultate zur politischen Rekrutierung lassen nicht darauf schliessen, dass sich die deskriptive Repräsentation von Frauen in naher Zukunft substanziell verbessern wird. Der Status Quo wird stetig reproduziert und die Lokalsektionen der nationalen Parteien rekrutieren sogar verhältnismässig deutlich weniger Frauen als kommunale Gruppierungen.25 Dies kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass es nicht am mangelnden Angebot an weiblichen Kandidaten liegt, sondern an den parteiinternen Gatekeepers, die mit ihren Auslesekriterien und -mechanismen den Frauenanteil unter den Nominierten senken. Es sind also die nationalen Parteien gefragt, anhand geeigneter Massnahmen die Frauenvertretung in den eigenen Reihen zu fördern. Gemäss Caul Kittilson (1999; 2006) haben parteiinterne Organisationsstrukturen, wie der Aufbau von Frauensektionen oder das Etablieren von internen Frauenquoten, einen bedeutenden Effekt auf die deskriptive Repräsentation von Frauen.26 Um die intransparenten Rekrutierungsprozesse in der Schweizer Lokalpolitik besser auszuleuchten und zu verstehen, wären zudem umfassende qualitative Studien wünschbar. Die hier vorgenommenen Analysen können nur punktuelle Einblicke in die Rekrutierungsmuster geben und zeichnen die Selektionsprozesse gezwungenermassen retrospektivisch nach.

Ein weiterer Schwerpunkt des vorliegenden Beitrags liegt auf den politischen Karrieremustern der Schweizer Stadtparlamentsmitglieder, um daraus Hinweise auf den sinkenden Frauenanteil auf höheren staatlichen Ebenen zu erhalten. Die durchgeführten Auswertungen zeigen, dass es nicht Unterschiede in den Karriereplanungen oder der persönlichen Motivation sind, die den Anteil an weiblichen Repräsentanten auf höheren Staatsebenen schrumpfen lassen. Die befragten Frauen zeigen eine genauso ambitionierte Planung ihrer politischen Laufbahn wie ihre männlichen Ratskollegen. Unterschiede werden allerdings bezüglich der Gründe von ausstiegswilligen Parlamentsmitgliedern sichtbar. Während die Stadtparlamentarier aus freien Stücken zurücktreten wollen, weil sie sich zu alt fühlen oder der Meinung sind, ihre Bürgerpflicht erfüllt zu haben, erfolgt der Rücktritt bei den Parlamentarierinnen signifikant häufiger aus Zeitmangel. Diese Frauen geben an, dass sie neben ihren beruflichen und familiären Verpflichtungen zu wenig Zeit für ihre politische Laufbahn finden. Faktoren, die einen solchen Rücktritt wahrscheinlicher machen, finden sich vor allem auf individueller Ebene. So gehen die betroffenen Frauen häufiger einer selbstständigen Tätigkeit nach und wurden überdurchschnittlich oft als Kandidatinnen einer kommunalen Gruppe gewählt. Dieser zweite Faktor verfügt über eine hohe Erklärungskraft und scheint für die Diskussion der politischen Repräsentation von Frauen sehr relevant. Die fehlende Parteimitgliedschaft hindert die betroffenen Parlamentarierinnen am Aufstieg auf der politischen Karriereleiter. Die Wahrscheinlichkeit eines vorzeitigen Rücktritts aus mangelnden zeitlichen Ressourcen ist signifikant erhöht, da die lokalen Gruppierungen ihren Repräsentanten aufgrund der fehlenden Einbindung in eine übergeordnete Parteiorganisation nicht die nötige Unterstützung bieten können.

Für die zukünftige Forschung der politischen Rekrutierung und der politischen Karrieremuster – insbesondere aus einer Gender-Perspektive – sollte somit der Unterscheidung zwischen etablierten Parteien und weniger formalisierten Wählergruppen mehr Beachtung zukommen. Die vorliegenden Resultate zeigen, dass sich die Art der Parteizugehörigkeit bei lokalen Politikerinnen deutlich auf ihre Rekrutierung und auf den weiteren Verlauf ihrer Karriere auswirken. Wünschenswert wären auch hier qualitative Studien, die die unterschiedlichen Karrierewege in der Schweizer Politik über einen längeren Zeitraum hinweg nachzeichnen und analysieren. Des Weiteren bestätigt sich die eingangs geäusserte Vermutung, dass die Beschäftigung mit der untersten Staatsebene für die Diskussion der politischen Repräsentation äusserst lohnenswert ist. In der wissenschaftlichen Debatte zur politischen Repräsentation von Frauen auf allen schweizerischen Staatsebenen sollte die lokale Arena verstärkt berücksichtigt und insbesondere den lokalen Strukturen, Mechanismen und Auslesekriterien des politischen Rekrutierungsprozesses mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Footnotes

  • 1

    Die Autorinnen möchten sich bei den anonymen Gutachtern und den Herausgebern der SPSR für ihre äusserst hilfreichen Anmerkungen und insbesondere für die nützlichen Literaturhinweise bedanken.

  • 2

    Die Gender Studies stellen ein heterogenes Forschungsfeld dar, das sich mit der wissenschaftlichen Analyse der Erzeugung, Relevanz, Geschichte und Praxis der Geschlechterdifferenz beschäftigt. Der Begriff gender steht dabei im Mittelpunkt der theoretischen Debatte und bezeichnet das sozio-kulturelle Geschlecht einer Person im Unterschied zu ihrem biologischen Geschlecht (englisch: sex). Mit der begrifflichen Trennung von gender und sex wird die Untersuchung von konstruierten Geschlechteridentitäten erst ermöglicht.

  • 3

    Eine gewichtige Ausnahme stellt dabei der Beitrag von Mercedes Mateo Diaz (2005) dar. Im Rahmen einer Längsschnittstudie zu allen Parlamenten der EU-Mitgliedsstaaten stellt sie einen kritischen Vergleich von deskriptiver und substanzieller Repräsentation an.

  • 4

    Gemäss Childs und Krook (2006) sind stattdessen eher “critical actors” von Bedeutung, die sich aktiv für weibliche Anliegen einsetzen.

  • 5

    Mit dem Begriff “kommunale Wählergruppe” wird ein Zusammenschluss engagierter Bürgerinnen und Bürger bezeichnet – eine Vereinigung, die zu kommunalen Wahlen antritt, ohne den Status einer politischen Partei zu haben.

  • 6

    Gemäss Bundesamt für Statistik werden Gemeinden mit mehr als 10’000 Einwohnern als Städte definiert.

  • 7

    Das Stadtparlament von Basel wurde wegen seiner Doppelrolle als städtisches und kantonales Parlament aus der Untersuchung ausgeschlossen.

  • 8

    Leider beinhaltete der Fragebogen auch keinerlei Fragen zu den finanziellen Verhältnissen der Stadtparlamentsmitglieder.

  • 9

    Quelle: Bundesamt für Statistik (2006: 17ff.).

  • 10

    Quelle: Bundesamt für Statistik (2009).

  • 11

    Aus der vorliegenden Untersuchung ausgeklammert bleiben Faktoren, die innerhalb des lokalen Kontexts der Schweiz keine bedeutende Varianz aufweisen, wie die Ausgestaltung des Wahlsystems. Andere wichtige Faktoren, wie die parteiinterne Organisation oder die Organisation von Parlamentssitzungen, mussten aufgrund fehlender Daten weggelassen werden.

  • 12

    Das Ausmass des ausserfamiliären Kinderbetreuungsangebots wird gemessen anhand der Anzahl Kinderkrippen und Kinderhorte nach Kantonen pro 1’000 Kinder unter sieben Jahren (Quelle: Bundesamt für Statistik, Betriebszählung und Statistik des jährlichen Bevölkerungsstandes 2008).

  • 13

    Gemäss der Einteilung des Bundesamtes für Statistik umfasst der benutzte Datensatz 40 so genannte “Zentren”, 39 “suburbane Gemeinden”, vier “einkommensstarke Gemeinden” sowie eine “touristische” Gemeinde. Die erwähnten periurbanen Gemeinden finden sich im Datensatz nicht wieder.

  • 14

    Miki Caul Kittilsons Erkenntnisse basieren auf der Analyse von 68 Parteien in zwölf westlichen Industriestaaten. Die untersuchten Länder umfassen Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Irland, Italien, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Schweden, das Vereinigte Königreich sowie die USA. Die Präsenz von weiblichen Parlamentsmitgliedern wurde zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben: in den Jahren 1975, 1985 und 1989. Im Jahr 2006 hat Caul Kittilson zudem eine aktualisierte Version ihrer Studie publiziert.

  • 15

    Es gibt allerdings zwei Schweizer Studien, die in diesem Zusammenhang erwähnt werden sollten: Hofmann-Conrad et al. (2004) untersuchen die politische Partizipation von Frauen in der Gemeindepolitik Graubündens, während Dubuis (2003) 18 politisch engagierte Frauen im Bezirk Martigny begleitet und studiert.

  • 16

    Alle für den vorliegenden Artikel benutzten Fragen aus der Erhebung zu den Schweizer Stadtparlamentsmitgliedern finden sich im Anhang 2.

  • 17

    Im Folgenden werden alle bivariaten Zusammenhänge mit einem Signifikanzniveau von unter 5% als statistisch signifikant ausgewiesen. Alle Angaben zu den berechneten Chi-Quadrat-Tests finden sich in Anhang 1.

  • 18

    Wird die Hypothese zusätzlich in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen getestet, zeigt sich ein Zusammenhang in der Gruppe der jüngeren Parlamentsmitglieder (20 bis 42 Jahre). Hier verfügen die Parlamentarierinnen signifikant häufiger über politische Familienbande als die männlichen Parlamentsmitglieder. Die Analysen in den übrigen Bevölkerungsgruppen nach den Faktoren Bildung, Erwerbsstatus und Sprachregion weisen aber kein abweichendes Resultat auf.

  • 19

    Es zeigt sich sogar, dass bei jüngeren Parlamentsmitgliedern (20 bis 42 Jahre) die Frauen signifikant häufiger eine politische Karriere anstreben. Die Analysen in den übrigen Bevölkerungsgruppen nach den Faktoren Bildung, Erwerbsstatus und Sprachregion weisen aber kein abweichendes Resultat auf.

  • 20

    Bei Personen mit höherer Ausbildung (ab Sekundarstufe II) zeigen die Frauen sogar signifikant stärkere Ambitionen, die Karriereleiter hinaufzuklettern als die Männer. Die Analysen in den übrigen Bevölkerungsgruppen nach den Faktoren Alter, Erwerbsstatus und Sprachregion weisen aber kein abweichendes Resultat auf.

  • 21

    Beim Ankreuzen von möglichen Rücktrittsgründen wurde keine zahlenmässige Beschränkung vorgeschrieben. Die vollständige Frage findet sich im Anhang 2.

  • 22

    Das Amt eines Stadtparlamentsmitglieds ist zudem durchaus zeitaufwendig. Die befragten Politikerinnen und Politiker gaben an, für Sitzungen des Parlaments, der Kommissionen und ihrer Fraktion wöchentlich durchschnittlich 12.7 Stunden aufzuwenden. Weitere parlamentarische Aktivitäten sowie die Vorbereitung der Sitzungen sind in dieser Zahl noch nicht eingerechnet. Der zeitliche Umfang sowie der Zeitpunkt dieser Sitzungen stellen überdies äusserst wichtige Rahmenbedingungen dar, die es hinsichtlich einer Erhöhung des Frauenanteils in Parlamenten zu beachten gilt.

  • 23

    Das Ausmass des ausserfamiliären Kinderbetreuungsangebots wird gemessen anhand der Anzahl Kinderkrippen und Kinderhorte nach Kantonen pro 1’000 Kinder unter sieben Jahren (Quelle: Bundesamt für Statistik, Betriebszählung und Statistik des jährlichen Bevölkerungsstandes 2008).

  • 24

    Die männlichen und weiblichen Mitglieder von rein kommunalen Wählergruppen nannten als Beweggrund für ihre Kandidatur allerdings signifikant seltener die Absicht, eine politische Karriere zu beginnen. Möglicherweise war ein Aufstieg auf der politischen Karriereleiter also gar nicht vorgesehen. Dennoch erfolgt der geplante Rücktritt gemäss den betroffenen Frauen in erster Linie aus Zeitmangel – es fehlen offensichtlich die nötigen Ressourcen.

  • 25

    Wobei zwischen den nationalen Parteien erhebliche Unterschiede im Frauenanteil bestehen (s. Abbildung 1).

  • 26

    Frauenfreundliche Parteistrukturen sowie Frauenquoten auf Wahllisten scheinen zudem deutlich geeigneter als eine Quotenregelung im Parlament (Young 2000: 150). Bereits reservierte Parlamentssitze für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe können dazu führen, die Identität dieser Bevölkerungsgruppe festzuschreiben, ihre interne Heterogenität auszublenden sowie ihr Verhältnis zu anderen Parlamentsgruppen zu erschweren (ebd.: 122; 149).

Appendices

Table Anhang 1:.  Übersicht über die bivariaten statistischen Analysen
VariablenChi-Quadrat-Koeffizient (f)SignifikanzKorrelationskoeffizientN
Frau (Frage 3, V279)
 Herkunft aus politischer Familie (Frage 6, V282)χ2 (1) = 2.835p = 0.092ø = 0.0431531
Frau (Frage 3, V279)
 Auslöser der Kandidatur (Frage 21, V067)χ2 (1) = 5.615p = 0.018ø = 0.0611515
Frau (Frage 3, V279)
 Motivation für Kandidatur: politische Karriere (Frage 23, V265)χ2 (4) = 4.150p = 0.386V = 0.0521519
Frau (Frage 3, V279)
 Weitere Karriereplanung: Amt auf höherer Ebene (Frage 42, V270)χ2 (2) = 1.346p = 0.510V = 0.0301477
Frau (Frage 3, V279)
 Rücktrittsgrund: Alter (Frage 43, V276)χ2 (1) = 5.316p = 0.021ø = −0.122359 (alle Zurücktretenden)
Frau (Frage 3, V279)
 Rücktrittsgrund: Bürgerpflicht erfüllt (Frage 43, V273)χ2 (1) = 6.848p = 0.009ø = −0.138359 (alle Zurücktretenden)
Frau (Frage 3, V279)
 Rücktrittsgrund: Zeitliche Restriktionen (Frage 43, V274)χ2 (1) = 3.907p = 0.048ø = 0.104359 (alle Zurücktretenden)
  • image(Anhang 2:)

[  Übersicht über die benutzten Fragen aus der Erhebung der Schweizer Stadtparlamentsmitglieder ]

The Gender Gap in Swiss City Councils

Differences between female and male city councillors regarding their political recruitment and their political career pattern

Scientific research on the political representation of women in Switzerland has thus far ignored the local state level. An analysis of the possible causes of the existing gender gap in local councils seems promising, though. Given that the careers of Swiss politicians generally start at lower state levels and the proportion of women declines at higher state levels, such an analysis provides insights into issues of political representation that exceed the local context. The present article draws on a comprehensive survey of Swiss city councillors conducted in 2008. The statistical analyses show that – besides structural explanatory factors that operate at the city level – the process of political recruitment has a significant effect on the political representation of women. Furthermore, external factors frequently account for an intended early resignation of female councillors, which could explain the lower proportion of women in cantonal councils and in the national parliament. One factor seems particularly relevant here: female councillors are more frequently elected as candidates of a local list and not as members of a national party. Due to the resultant lack in resources and support, this fact seems to lower the opportunities of advancement for the women concerned.

Larissa Plüss ist Assistentin und Doktorandin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich am Lehrstuhl für Demokratieforschung und Public Governance. Sie verfasst ihre Dissertation zur Rolle der städtischen Parlamentarierinnen und Parlamentarier in der Schweiz und hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit gemeinsam mit Prof. Dr. Daniel Kübler eine Erhebung aller Schweizer Stadtparlamentsmitglieder durchgeführt (Forschungsprojekt “Municipal Assemblies in European Local Governance”). Korrespondenzadresse: Institut für Politikwissenschaft, Universität Zürich, Affolternstrasse 56, 8050 Zürich, Schweiz. Telefon: +41 (0)44 634 40 21, Email: pluess@ipz.uzh.ch

Marisa Rusch war als Hilfsassistentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich massgeblich an der Befragung der Schweizer Stadtparlamentsmitglieder beteiligt und hat ihre Lizentiatsarbeit basiert auf den erhobenen Daten zum Thema “Gleich und doch nicht gleich? Frauen und Männer zwischen legaler Gleichberechtigung und politischer Praxis: Eine genderfokussierte Untersuchung der Schweizer Stadtparlamente und deren Mitglieder” verfasst. Sie arbeitet als stellvertretende Leiterin beim Dienst für politische Rechte des Kantons St.Gallen. Korrespondenzadresse: Kanton St.Gallen, Departement des Innern, Regierungsgebäude, 9001 St.Gallen, Schweiz. Telefon: +41 (0)58 229 22 53, Email: mail@mrus.ch

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