Angewandte Chemie

Cover image for Vol. 129 Issue 4

Chefredakteur: Peter Gölitz, Stellvertreter: Neville Compton, Haymo Ross

Online ISSN: 1521-3757

Associated Title(s): Angewandte Chemie International Edition, Chemistry - A European Journal, Chemistry – An Asian Journal, ChemistryOpen, ChemPhotoChem, ChemPlusChem, Zeitschrift für Chemie


Den vollständigen Artikel und die Anschrift des Autors finden Sie in Angew. Chem 1998, 110 (12), 1765

Chemotherapie gegen Grippe?

Schweizer Forscher verbessern einen Hemmstoff,
der die Vermehrung von Grippeviren stört

Grippeviren brauchen für ihre Vermehrung und um ansteckend zu wirken ein Enzym mit dem komplizierten Namen Neuraminidase. Wie viele derartiger Eiweiße kann man auch dieses Enzym mit bestimmten Wirkstoffen außer Funktion setzen; die Schweizer Chemiker Andrea Vasella und Steffen Vorwerk haben nun eine Substanz entwickelt, die Neuraminidase doppelt so gut blockiert wie der Wirkstoff DANA, der als Prototyp der Neuraminidase-Hemmer gilt. Ihre Vorgehensweise zeigt exemplarisch, wie die moderne Arzneimittelforschung von Kentnissen profitiert, die Chemiker auf molekularer Ebene sammeln.

Neuraminidasen haben die Aufgabe, bestimmte Zuckerbausteine von anderen Molekülen abzuschneiden. Sie tun dies allerdings nicht wie eine Schere, die etwa eine Schnur durchtrennt. Stattdessen bringen sie das Molekül mit dem Zucker-Anhängsel zunächst einmal in eine Form, in der das Abtrennen des Zuckerteilchens einfacher vonstatten gehen kann. Bildlich gesprochen legen sie sich das Molekül erst einmal auf einer maßgeschneiderten "Werkbank" zurecht und "verbiegen" es in einem nächsten Schritt so, daß es sich leichter zerlegen läßt.

Hemmstoffe wie DANA wirken, weil sie auch auch gut auf diese Werkbank passen und sie blockieren. Vasella und Vorwerk haben sich daher das DANA-Molekül genauer angeschaut und eine Variante davon hergestellt, die auch den nächsten Schritt der Arbeit des Enzyms vorwegnimmt: Es ist bereits genau so "vorgebogen", wie das Enzym es für seine weitere Arbeit braucht. Daher paßt es noch besser als DANA auf die Eiweiß-Werkbank - läßt sich aber im Gegensatz zu den gewohnten "Werkstücken" nicht mehr zerschneiden: Es enthält nämlich an einer Stelle, wo das Enzym ein leicht abtrennbares Sauerstoffatom erwartet, ein "granithartes" Kohlenstoffatom, mit dem die Schweizer das molekulare Kuckucksei praktisch unknackbar gemacht haben.

Ob der Grippekiller jemals als Medikament eingesetzt werden kann, ist noch nicht klar. Für eine Überraschung war der neue Wirkstoff allerdings schon gut: Er blockiert auch die Neuraminidase mancher Bakterienarten, die dieses Enzym ebenfalls herstellen, aber auf DANA nicht ansprechen. Die starren Bakterien-Neuraminidasen sind offenbar wählerischer als ihre flexibleren Grippeviren-Pendants. Bei ihnen muß das Werkstück schon sehr gut passen, um akzeptiert zu werden.



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