Angewandte Chemie

Cover image for Vol. 130 Issue 9

Chefredakteur: Neville Compton, Stv. Chefredakteur: Frank Maaß;. Ehem. Chefredakteur: Peter Gölitz

Online ISSN: 1521-3757

Associated Title(s): Angewandte Chemie International Edition, Chemie in unserer Zeit, Chemistry - A European Journal, Chemistry – An Asian Journal, ChemistryOpen, Nachrichten aus der Chemie, Zeitschrift für Chemie


Den vollständigen Artikel und die Anschrift des Autors finden Sie in Angew. Chem 1998, 110 (17), 2491

Rechts ohne Links

Ein in Groningen entwickeltes Verfahren vereinfacht
die Reinigung von Grundstoffen für die Pharmazie

Viele chemische Verbindungen - darunter die allermeisten Pharmawirkstoffe - können bei ihrer Herstellung in zwei Varianten entstehen, die einander gleichen wie die rechte der linken Hand. Meistens ist nur eine dieser Formen erwünscht. Ton Vries und Hans Wynberg, zwei niederländische Chemiker, die an einer privaten Forschungseinrichtung in Groningen arbeiten, haben einen eleganten Weg gefunden, beide Varianten mit weniger Aufwand als bisher voneinander zu trennen.

Seit der Contergan-Katastrophe, die auf der schädlichen Wirkung einer der Links-rechts-Varianten des Wirkstoffs Thalidomid beruhte, betreiben Industrie- und Forschungschemiker einen hohen Aufwand, um in ihren Reaktoren entweder nur gezielt eine Wirkstoffvariante entstehen zu lassen - was sehr aufwendig ist - oder die störende nachträglich zu entfernen. So werden zum Beispiel jährlich Tonnen des Analgetikums Naproxen® oder des Antibiotika-Grundstoffs Phenylglycin in "rechts" und "links" getrennt.

Was Lois Pasteur, der Entdecker der Händigkeit, seinerzeit noch mit Lupe und Pinzette erledigen konnte, erfordert heute - genau 150 Jahre nach seiner Entdeckung - ein hohes Maß an chemischer Kunstfertigkeit: Chemiker geben zum Rechts-links-Gemisch des Wirkstoffs eine Substanz, die nur mit einer der Varianten eine Verbindung eingehen kann, so wie ein rechter Schuh nur dem rechten Fuß paßt; diese Paare werden dann weiterverarbeitet. Passende Hilfssubstanzen mußten allerdings in langwierigen Versuchen gesucht werden.

Hier setzt die Methode von Vries und Wynberg an: Sie gaben eine ganze Reihe dieser Hilfsstoffe zugleich in ihre Kolben - in der Hoffnung, daß sich die zu reinigende Chemikalie selbst den passenden Schuh heraussuchen und anziehen würde. Diese Hoffnung wurde mehr als erfüllt: In den meisten Fällen bilden die Wirkstoffe gleich mit mehreren Hilfssubstanzen Verbindungen, deren Kristalle nur noch aus der Lösung abfiltriert werden müssen. Wenn Wynbergs Mitarbeiter die Hilfsstoffe anschließend entfernen, bleibt nur der gewünschte links- oder rechtshändige Wirkstoff zurück - in einer Reinheit, die bisher oft erst nach mehreren Verfahrensschritten erreicht werden konnte.

Die Ursache des unerwarteten Effekts: Die Wirkstoffmoleküle werden in den Hilfsstoff-Kristallen wie in einem Karton eingelagert. Offenbar können sich die Kristalle aus mehreren verschiedenen Bausteinen besser an die Form des Wirkstoffmoleküls anpassen und es so besser - beinahe nach Maß - einpacken.

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