Angewandte Chemie

Cover image for Vol. 127 Issue 22

Chefredakteur: Peter Gölitz, Stellvertreter: Neville Compton, Haymo Ross

Online ISSN: 1521-3757

Associated Title(s): Angewandte Chemie International Edition, Chemistry - A European Journal, Chemistry – An Asian Journal, ChemistryOpen, ChemPlusChem, Zeitschrift für Chemie

Presse-Mitteilung

Angew. Chem. 2005, 117 (03), 451 – 456

Nr. 03/2005


Chemische Keule mit zweifacher Wirkung

Maßgeschneiderte Antibiotika greifen den Milzbrand-Erreger an zwei Stellen gleichzeitig an

Der Milzbrand-Erreger, Bacillus anthracis, kann in Tieren auf allen Erdteilen vorkommen. Auch Menschen können sich infizieren, daher ist seine Verwendung durch das Biowaffenabkommen von 1972 untersagt; er gilt aber als mögliche Waffe von Terroristen. Das Bakterium bildet Sporen, die auch unter äußerst ungünstigen Umweltbedingungen wie Hitze und Trockenheit lange überleben können. Sie infizieren Menschen und Tiere über Wunden in der Haut, nach Verschlucken über den Darm oder beim Einatmen über die Lungen. Einmal eingedrungen wandern die Anthraxsporen in die nächstgelegenen Lymphknoten. Dort keimen sie, bilden wieder lebensfähige Bakterien, die sich vermehren und das gefährliche Anthraxtoxin erzeugen. Dieses legt zunächst das Immunsystem des Wirtes lahm, sodass die Bakterien in den Blutkreislauf eindringen können. Hier vermehren sie sich rasch weiter und produzieren dabei für den Wirtsorganismus tödliche Mengen des Giftes.

Anthraxtoxin besteht aus drei Komponenten, von denen vor allem ein Protein, der sogenannte Lethale Faktor, für die unheilvolle Wirkung verantwortlich ist. Er bietet damit ein Angriffsziel für Therapieansätze zur Behandlung der Infektion. Zwei Gruppen von Wissenschaftlern um C.-H. Wong aus La Jolla (CA, USA) und T. Baasov aus Haifa (Israel) haben nun festgestellt, dass sich das bekannte Aminoglycosid-Antibiotikum Neomycin B unter physiologischen Bedingungen in vitro an den letalen Faktor anlagert und so seine Aktivität hemmt. Ausgehend von dieser Grundstruktur synthetisierten sie eine neue Klassen von Aminoglycosiden, die das toxische Protein noch fester binden und so wirkungsvoller ausschalten können. Darüber hinaus bekämpfen diese Verbindungen den Erreger sogar an einer zweiten Front: Sie lagern sich an sein Erbgut an, bringen dadurch die Ablesung der Gene durcheinander und verhindern so ein weiteres Vermehren der Bakterien.

Die vorgestellten Neomycin-B-Abkömmlinge zeigen einen vielversprechenden Weg zur Synthese von Medikamenten auf, die gleichzeitig das Bakterienwachstum und die Wirkung des Anthraxtoxins hemmen. Ob sie diesen Effekt auch im lebenden Organismus entfalten und die Zellen des Immunsystems tatsächlich vor dem Angriff des Toxins schützen, sollen nun weitere Experimente zeigen.

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